Das Jahrestag-Syndrom. Wie ungelöste Traumata wirken.

Das Jahrestag-Syndrom. Wie ungelöste Traumata wirken.

Das Jahrestag-Syndrom. Wie ungelöste Traumata wirken.
Die Zeit heilt alle Wunden. So sagt man. Doch das ist bei Weitem nicht so. Und das betrifft nicht nur unsere eigenen schmerzhaften Erlebnisse. Auch die traumatischen Erlebnisse unserer Eltern und Großeltern heilt oftmals nicht die Zeit. Sie wirken im Verborgenen weiter. So können auch noch nach langer langer Zeit ungeheilte Traumata auf uns wirken, selbst wenn wir wenig oder sogar nichts davon wissen.

Und das auch, wenn wir diese Menschen nicht kennen und wenn sie vielleicht schon längere Zeit nicht mehr am Leben sind. Es sind vor allem unaufgelöste Traumata, die sich noch bis in die nächsten Generationen auswirken.

Ein Trauma hat viele Gesichter

Traumata sind Erfahrungen, in denen sich Menschen hilflos fühlen und existentieller Gefahr ausgesetzt sind. Es gibt Traumata vor unserer Zeugung, Traumata im Mutterleib, Geburtstraumata, frühkindliche Traumata, Bindungstraumata, Verlusttraumata, Existenztraumata, selbsterlebte und systemische Traumata und übernommenen Schmerz bei familiären Traumata.

Die Folgesymptome von Traumata sind vielfältig, sie verändern sich im Laufe des Lebens und können sich auch phasenweise abwechseln. Auch wenn sich diese Symptome, wie Angstzustände, Panikattacken, Engegefühle, Flashbacks, Übererregung, Taubheitsgefühle und psychosomatische Symptome so anfühlen, als wären Körper und Seele krank, so sind sie nicht wirklich krank. Sie sind vom Wesen her ein Versuch unseres Nervensystems, die hohe Aktivierung des Nervensystems aufzulösen und den Menschen endlich wieder in Sicherheit zu bringen. Sehr viele Menschen haben in ihrem Leben selbst traumatische Erfahrungen machen müssen. Aber auch die Traumata der Eltern und Großeltern wirken noch in uns weiter.

Transgenerationale Weitergabe von Traumata

Schwere Schicksale in der Familie, wie der Verlust der Heimat, eines Partners, Kindes, der Eltern oder Geschwister durch Krankheit, Unfall, Suizid, Mord oder Krieg, Adoptionen, Abtreibungen, Früh- und Fehlgeburten, schwere Behinderungen, Trennungen, schwere Schuld, Missbrauch und Gewalt können sich auf die anderen Familienmitglieder auswirken.
Immer wieder kann man beobachten, wie sich schwierige traumatische Ereignisse in Familien wiederholen. Es gibt sehr viele Nachweise in der Literatur. Es ist wie ein Wiederholungszwang. Siegmund Freud und C.G. Jung beschreiben beide dieses Phänomen des „Wiederholungszwanges“ schon vor mehr als 100 Jahren. Sie erklären diese Ereignisse mit ins Unbewusste verdrängten traumatischen Ereignissen, die sich erst auflösen können, wenn sie ins Bewusstsein gelangen.

Das Jahrestag-Syndrom

Bert Hellinger beschreibt ein Ereignis in seinem Buch „Die Quelle braucht nicht nach dem Weg zu fragen“: Er arbeitete mit einem Klienten, in dessen Familie während der letzten hundert Jahre drei Männer aus verschiedenen Generationen jeweils mit 27 Jahren am 31. Dezember Suizid begangen hatten. Nachforschungen ergaben, dass der erste Mann der Urgroßmutter mit 27 Jahren am 31. Dezember eines unfreiwilligen Todes starb.

Anne Ancelin Schützenberger, eine transgenerationale Therapeutin, spricht in ihrem Buch „Oh meine Ahnen“ von diesem Phänomen des Wiederholungszwanges, das sie in ihrer Arbeit immer wieder beobachtet und wissenschaftlich untersucht hat und das sie als Jahrestag-Syndrom bezeichnet. Sie beschreibt an zahlreichen Fallbeispielen, dass das Trauma seine spätere Wiederholung häufig zum gleichen Datum erzwingt, an dem es selbst ursprünglich eintrat. So treten oft Erkrankungen, Suizidversuche und Unfälle zu genau dem gleichen Zeitpunkt auf, wie sie vor vielen Jahren, und oft auch vor mehreren Generationen, geschehen sind.

Das Alter, in dem mein Vater starb

Mein Vater hat seinen 60. Geburtstag nicht mehr erlebt. Er starb zuvor an einer schweren Krebserkrankung, ich war damals gerade zwanzig Jahre alt. Es war eine schmerzhafte Zeit. An einer Karzinomerkrankung zu sterben ist immer ein schwerer und schmerzhafter Weg. Doch vor mehr als vier Jahrzehnten standen noch nicht die Möglichkeiten zur Verfügung, die es heute zur medizinischen und emotionalen Begleitung krebskranker Menschen gibt.

Da es nicht einfach war mit meinem Vater, auch schon vor seiner Erkrankung, war auch die Zeit der Trauer nicht einfach. Mein Vater war 8 Jahre in Krieg und Gefangenschaft und kam alkoholkrank zurück. Die verschiedensten Gefühle haben sich vermischt und es war nicht leicht, in Frieden zu kommen. Angst und Ohnmacht der Kinderjahre hatten ihre Bilder hinterlassen.

Eines Tages erkrankte ich schwer. Ich fieberte hoch und hatte Schmerzen am ganzen Körper. Ich war zu nichts in der Lage. Handlungsunfähig lag ich im Bett. Doch plötzlich hatte ich eine Eingebung. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Eingebung, der Gedanke wurde mir von Außen eingegeben. Ich dachte an meinen Vater. Vor meinem Auge entstand das Bild, wie er zuletzt vor seinem Tod so handlungsunfähig schwer erkrankt im Bett lag.

Und plötzlich dämmerte es mir: Ich war genau in dem Alter, in dem mein Vater war, als er starb. Ganz genau. Nur wenige Tage fehlten noch. Fassungslos lag ich im Bett und ein Schwall an Tränen, Schmerzen und Leid überschwemmte mich. Ich fühlte die große schmerzhafte Liebe zu meinem Vater, trotz allem, was geschehen war. Und sein Alleinsein kurz vor seinem Tod. Und wie er mich mit seinen Augen gesucht hatte. Und dass ich damals seinem Blick ausgewichen war.

Doch jetzt, jetzt konnte ich ihm in die Augen schauen. Und mein Mitgefühl, mein Verlustschmerz und meine Liebe durften endlich sein. Endlich.

Nachdem ich lange geweint hatte, schlief ich ein. Am nächsten Morgen hatte ich kein Fieber mehr. Meine Seele hatte wohl die innere Erlaubnis bekommen, noch bleiben zu dürfen.

Ich wurde schnell gesund. Und stellte ein neues heiteres Bild von meinem Vater in meinem Zimmer auf. Durch dieses Erlebnis und mit Hilfe der Aufstellungsarbeit hatte ich im Herzen Frieden gefunden. Es fühlte sich gut an. Einfach gut.

Tragische Ereignisse wiederholen sich zeitgleich

Auch in meiner eigenen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, dass sich tragische Ereignisse in den Familien in den nachfolgenden Generationen zeitgleich wiederholen.

Eine junge Frau bekommt kaum auszuhaltende Unterleibsschmerzen. Als wir die Verbindung zur Großmutter aufstellen, die genau in dem Alter der Klientin auf furchtbare Weise mehrfach vergewaltigt wurde, zeigte sich die Ursache. Durch sicherheitsgebende und schmerzlösende Interventionen in der Aufstellung konnte sich dieses Trauma bei der Großmutter nun zwei Generationen später lösen und die Großmutter nun endlich von ihrem furchtbaren Schmerz befreit in Frieden kommen. Unmittelbar nach der Aufstellung verringerten sich die Unterleibsschmerzen der Klientin und gingen kurz darauf ganz und gar weg.

Ein junger Mann kommt zur Aufstellung wegen Angst- und Panikzustände. Es zeigte sich, dass er genau in dem Alter war, in dem der Bruder seines Vaters im Krieg gefallen ist. Nach der Aufstellung beruhigte sich seine Angst. Es brauchte dann noch eine weitere Aufstellung. Danch bekam er später auch keinen Panikanfall mehr.

Eine andere Klientin kam zur Aufstellung, da sie ihren Mann durch einen Unfall verloren hatte und sie sich auf keine neue Beziehung einlassen konnte. Es zeigte sich, dass sie genau so alt war wie ihre Großmutter, als diese ihren Mann im Krieg verloren hat. Ob sie sich später einer neuen Liebe öffnen konnte weiß ich nicht. Ich habe nichts mehr von ihr gehört. Das nehme ich oft als gutes Zeichen. Denn die Menschen kommen ja meist nur zur Aufstellung, wenn es ihnen nicht so gut geht.

Viele Male sehe ich diese Synchronizität der Ereignisse erst im Nachhinein nach der Aufstellung. In der Anamnese ist es meist noch nicht offensichtlich, dass das Anliegen und die Problematik mit Ereignissen in der Familie übereinstimmen. Doch wenn ich in der Einzelarbeit ein Geneogramm zeichne, wird diese Übereinstimmung sehr schnell sichtbar.

Es war für mich immer ein großes unerklärliches Wunder, wie es zu diesen Phänomenen kommen kann. Wieso wiederholen sich Familiendramen? Da wir alle miteinander verbunden sind könnten die Auswirkungen traumatischer Ereignisse der Menschen ja an sich jeden beliebigen Menschen betreffen. Doch es betrifft hier überwiegend die Weitergabe innerhalb der Familie. Wie kommt das?

Antworten gibt nun in neuester Zeit die Epigenetik. In meinem Blogartikel „Neue epigenetische Forschungen zeigen: Trauma wird vererbt.“ kannst du mehr dazu lesen.

Was im Körper bei Trauma geschieht

In einer Situation, in der sich ein Mensch existentiell vom Tode bedroht fühlt, werden im Körper Stresshormone ausgeschüttet, die ihm ermöglichen sollen, zu kämpfen oder zu fliehen. Hat der Mensch in einer ihm an Leib und Leben bedrohenden Gefahrensituation keine Chance zu fliehen oder gegen die Gefahr anzukämpfen, erstarren Körper und Seele. In einer solchen Situation erleben Gehirn und Seele einen Schockzustand. Die Essenz des Traumas besteht darin, sich handlungsunfähig, vollkommen verlassen und hilflos zu fühlen.

Wenn ein Mensch in einem traumatischen Zustand in seinem Entsetzen erstarrt, dann bleibt dieser Zustand im Körper auch dann erhalten, wenn die Gefahr vorüber ist. Dann werden weiterhin Stresshormone ausgeschüttet, die auf den Körper in der Weise weiterwirken, als wäre die Gefahr noch immer da. Der Körper kann seine Stressregulierung nicht wieder auf ein Normalmaß regeln. Das führt im Körper zu den verschiedensten Traumafolgesymptomen und kann zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen.

Seelenbewegungen bei Traumata

Es gibt nur zwei Formen der Bewegung unserer Seele in unserem tiefsten Inneren: Eine Hinbewegung und eine Wegbewegung. Die Hinbewegung bezeichnen wir als Liebe. Wir möchten jemandem nahe sein. Die Wegbewegung entsteht aus Angst. Wir fürchten uns und wollen Abstand, wollen weg, wollen in Sicherheit kommen.

Wenn ein Ereignis weder eine Hinbewegung noch eine Wegbewegung zulässt, erstarrt die Bewegung. Bewegungslos stehen wir mit angespannter Muskulatur und angehaltenem Atem, wenn es weder die Möglichkeit einer Hinbewegung noch einer Wegbewegung gibt. Schwere Traumata ermöglichen nicht, uns hin- oder wegzubewegen. Sie hinterlassen in der Seele eine Bewegungsunfähigkeit der Starre. Diese Bewegungsunfähigkeit ist anhaltend. Oft über Jahrzehnte und sogar über mehrere Generationen. Doch die Seele entwickelt Symptome. Diese Symptome weisen auf etwas hin: Sie möchten alte Verletzungen ausheilen.

Traumata lösen heißt: Die Bewegungen an ein sicheres Ende bringen

Die Fähigkeit, sich in Gegenwart anderer Menschen sicher zu fühlen, ist wohl der wichtigste Aspekt psychischer Gesundheit. Sichere Beziehungen sind für ein sinnerfülltes Leben unerlässlich.

Das Autonome Nervensystem kann drei grundlegende physiologische Zustände hervorrufen, je nach dem Sicherheitszustand, in dem sich der Mensch befindet: Zuerst sucht ein Mensch bei Gefahr Unterstützung, Hilfe und Trost durch soziales Miteinander. Wenn keine Hilfe möglich ist, dann bleibt ihm als zweite Möglichkeit Kampf oder Flucht.

Wenn die Möglichkeit besteht, zu kämpfen, zu fliehen, sich zu verstecken und manchmal auch zu erstarren, gibt die Hypophyse das Signal an den Körper, dass die Gefahr vorüber ist und das Überleben gesichert ist. Wenn ein Mensch etwas tun kann, um sich in Sicherheit zu bringen, dann wird die Mobilisierung der Stresshormone beendet, so dass alle Körperfunktionen wieder in ihren Normalzustand zurückkehren können.

Heilungsimpulse in der Aufstellungsarbeit

In der Aufstellungsarbeit zeigen sich hinter dem Anliegen, mit dem der Klient kommt, die Familienereignisse, in die er eingebunden ist. Und es zeigen sich auch die Traumata, die im Familiensystem noch nicht an ein sicheres Ende kommen konnten. Es zeigen sich Bewegungen im Familiensystem, in denen jemand erstarrt, im Fluchtmodus oder noch immer im Kampfmodus ist. Voller Wut, voller Entsetzen, voller Angst. Oder auch ganz und gar abwesend oder erstarrt.

Wenn es gelingt, sanft, respektvoll und vorsichtig, dass sich die noch nicht zu einem Ende gekommenen Bewegungen weiterbewegen, nun aber in einem sicheren Kontext, manchmal auch an der Hand des Aufstellungsleiters, dann kann sich die energetisch aufgestaute Ladung des Traumas lösen. Dann kommt das eigentliche dahinter liegende Gefühl zum Vorschein und darf in sicherem Rahmen sein. Bis es sich zu einem Ende vollzogen hat.

Dann entsteht Frieden im Raum. Alle spüren diesen Moment der Stille und des Friedens. Das was war, darf endlich vorbei sein.

Auch der Wiederholungszwang ist dann vorbei. Das, was gewirkt hat, hört nun auf zu wirken. Es wird nun zu einer Vergangenheit, die gewesen sein darf und nun Vergangenheit ist. Das Schlimme ist vorbei.

Was kannst du tun?

Wenn dich nichts belastet und deine Kinder sicher und heiter ihren Weg gehen, dann gibt es nur eines zu tun: Das Leben in all seinen Facetten zu genießen. Doch falls dich etwas bedrückt, das du nicht selbst lösen kannst, falls du das Gefühl hast, in deiner Familie wiederholt sich etwas, was keine guten Folgen hat, dann komm zur Aufstellung.

Es ist einfach wunderbar, wenn wir immer wieder heilsame Schritte gehen können, damit die Traumata, Verluste und Verletzungen der Vergangenheit nun endlich Vergangenheit werden. Sie werden nicht ungeschehen sein, doch sie werden in Frieden kommen.

Alles Liebe für dich
Renate


Impressum:
Text: Dr. Renate Wirth
Foto: pixabay.com

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Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
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