Mein Vater war im Krieg. Schmerz, Leid und die Kraft des Vaters

Mein Vater war im Krieg. Schmerz, Leid und die Kraft des Vaters

Mein Vater war im Krieg. Schmerz, Leid und die Kraft des Vaters

Ich hatte immer Angst in meinen Träumen, immer Albträume von Krieg und Mord und Verfolgung. Als ich sechs Jahre alt war habe ich meinen Vater einmal gefragt, ob man das erben kann mit dem Krieg. Nein, hat er geantwortet, das kann man nicht.

Aber ich habe die Bilder gesehen, obwohl ich sie ja nicht erlebt habe. Im Gegensatz zu meinen beiden größeren Geschwistern, die im Krieg geboren sind, habe ich den Krieg selbst nicht erlebt. Aber diese Bilder waren da.

Mein Vater war viele Jahre in Krieg und Gefangenschaft. Was er alles an Schrecklichem erlebt haben muss kann ich in keinster Weise nachempfinden. Er kam alkoholkrank aus dem Krieg zurück. Gebrochen. Dann, unmittelbar nach seiner Rückkehr, bin ich gezeugt worden. Ein Kind der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Ein Hoffnungsträger.

Die Traumata des Krieges

Die Traumata des Krieges sind unvorstellbar. Das wirklich unvorstellbare Leid hat tiefe und nicht auszulöschende Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen. In den Seelen der Männer, Soldaten, der Täter und Opfer, der Frauen und Kinder.

Es gibt wohl kaum eine Familie, die nicht auf irgendeine Weise in die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges eingebunden ist, manchmal in die beider Kriege. Es ist kein Wunder, dass die Familienaufstellungsarbeit in Deutschland entstanden ist. Das hat sehr viel mit den tiefen und weitestgehend noch unverarbeiteten Gefühlen der Weltkriege hier in Deutschland zu tun.

In der Regel wurde alles ausgeklammert: Die toten Kameraden, die toten Opfer, die Vergewaltigungen, die Plünderungen, die Ausgebrannten, die Kriegsgefangenen, die Wiederheimkehrer, die tabuisierten und die traumatisierten Gefühle aus den jeweiligen Kriegen.

Krieg ist ein kollektives Thema

Krieg ist ein kollektiv großes Thema. Und es ist ein kollektives großes Schweigen. Der Beitrag des Familienstellens ist, die tabuisierten Gefühlsprozesse zu öffnen, die in den jeweiligen Generationen nicht wahrgenommen werden konnten, und diesen Gefühlen Raum zu gewähren. Das, was in den Kriegen geschehen ist, war verrückt, unbegreiflich groß und kaum artikulierbar und fassbar.

Die meist traumatisierte Kriegs-und Nachkriegsgeneration konnte kaum heilsame Schritte gehen. Erst jetzt wird, unter anderem durch die Aufstellungsarbeit, dem Tabuthema der Kriegserlebnisse Raum gegeben, sodass Heilungsimpulse möglich werden.

Über den Nachwirkungen des Krieges in den Seelen der Menschen lag lange Zeit ein gesellschaftliches und persönliches Tabu. Zurzeit gibt es eine Bewegung, den Menschen das Thema bewusst zu machen und das Tabu zu brechen.

Die Väter nach dem Krieg

Traumatisierte Väter standen nicht mehr für ein „normales“ Leben zur Verfügung. Sie hatten Seelenanteile im Krieg verloren. Dass sie sprachlos waren von all dem Entsetzen, dass sie alkoholkrank waren von all dem Entsetzen, war die einzige Möglichkeit für ihre Seele, das Grauen zu überleben. Sie waren starr, schwiegen, waren aggressiv oder verdrängten. „Es muss ja weitergehen.“ Wie sollten sie sich auch anders verhalten?

Es gab keine Therapie, kein Verständnis für das, was sie erlebt hatten, keinen Ort der Sicherheit. Der Krieg war in ihnen. Sie konnten ihren Erinnerungen und Albträumen selbst nicht entfliehen.

Eine der Möglichkeiten war, im Tun und in der Arbeit nach vorn zu schauen und Neues zu schaffen. Doch viele der Männer hatten nicht mehr die Kraft dazu.

Sich über den Vater stellen

Die Frauen nach dem Krieg waren trotz allen erlittenen Leides die „Stärkeren“. Sie haben die Männer oft abgewertet, da sie aggressiv, gewalttätig oder alkoholkrank und traumatisiert „für nichts zu gebrauchen waren“ und eine Last statt einer Unterstützung und Hilfe.

Von den Frauen abgewertet war auch das Bild der Kinder auf den Vater oft nicht achtungsvoll. Er brachte ja viel Leid, Ärger, erzeugte Angst, war einfach eine Gefahr. Oder aber schwach. Manchmal alles zusammen.

Lange Jahre habe ich mich über meinen Vater gestellt. Trotz der Gewalt, die von ihm ausging, wenn er getrunken hatte, hatte ich keine Angst vor ihm. Ich hatte sogar das Gefühl, dass ich stärker sei als er. Ich konnte ja mit 5 Jahren sein Fahrrad halten, während er es fallen gelassen hat. Ich wusste auch den Weg nach Hause aus der Wirtschaft, während er keine Orientierung mehr hatte. Ich war einfach stärker und besser als er. Was für eine Fehleinschätzung. Sie sollte mich viel Leid kosten.

Die Auswirkungen auf uns Nachgeborene

Die Auswirkungen sind sehr unterschiedlich, wir haben ja als Kind die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht. Was geblieben ist können Angst, Ängstlichkeit, Wutgefühle, nicht zuordenbare Aggressionen, Abwertungen, Paarproblematiken, anhaltende Geldprobleme, Misserfolge im Beruf und Krankheiten sein. Auch das Gefühl der Starre, von Schreibblockaden, nicht NEIN sagen können, verstummen oder nicht für sich einstehen können sind möglicherweise Nachwirkungen der Erfahrungen der Kriegstraumata des Vaters.

Ich konnte nicht für mich einstehen

Susanne kam mit dem Anliegen, dass sie im Konflikt mit anderen starr wird und sich nicht für sich selbst einsetzen kann. In der Aufstellung zeigte sich das starre Entsetzen des Vaters im Krieg. Einige Zeit danach schreibt mir Susanne:

„Meine erste Aufstellung bei dir hatte das Anliegen, dass ich nicht für mich einstehen konnte, dass ich nicht streiten konnte, sondern vollständig verstummte und erstarrte, sobald das anstand. Aufgestellt wurden meine Eltern.

In besonderer Weise durfte ich Einblick gewinnen in das Leben meines Vaters, der in dieser Aufstellung auf dem Schlachtfeld im Afrikafeldzug kurz vor dem Aufgeben war. So viele gefallene Kameraden! So viel Tod! Er befand sich in einer Art Starre, in der er fast geblieben wäre.

„Danke Vater, dass Du am Leben geblieben bist, Danke, dass darum auch ich leben darf“, durfte ich ihm sagen. Für zukünftige Streitgespräche bekam ich den Satz mit: „Ich will Frieden. Das ist mein Wesen.“

Mit einem neuen Verständnis ausgestattet kann ich heute für mich einstehen. Ich werde nie eine Gerne-Streiterin sein, doch die Starre ist gebrochen. Ich danke dir.“ Auch ich danke dir, Susanne, dass du gekommen bist.

Später schreibt mir Gertrud, die Stellvertreterin von Susannes Vater noch unabhängig davon folgende Zeilen: „Dein Seminar in Holzkirchen am Benediktushof war für mich bedeutsam. Mehr noch als meine eigene Aufstellung war es die Aufstellung von Susanne. Diese allerletzte Aufstellung hatte es für „mich“ wirklich in sich! Mein Part war der „Vater“in Susannes Aufstellung. Es ging um den Krieg, um ein Duell, um Leben und Tod. Ich rang wirklich um mein Leben, habe alle Kräfte, die mir zur Verfügung standen in dem Moment in der Aufstellung mobilisieren müssen. Ich durchlebte den Kampf real. Ich sah, dass dieses Duell in dieser Landschaft im Sumpfgebiet stattfand. Ich bin überzeugt, dass es dieses Duell wirklich gab.

Das hat mich noch lange nachbewegt. Denn auch mein Vater war im Krieg und 3 Jahre in Kriegsgefangenschaft in Murmansk/Russland in Gefangenschaft. Durch die Aufstellung von Susanne habe ich in der ganzen Tiefe gefühlt, was ein Kampf um Leben und Tod bedeutet. Ich bin mit meinem Vater in Frieden und bin sicher, dass auch er im Frieden ist.

Ich sende dir meine allerherzlichsten Grüße und vertraue auf die göttliche Kraft, die durch dich wirkt und bin dir im Herzen verbunden! Deine Gertraud“ Ich danke dir von Herzen, Gertraud, für deine Zeilen und dass du gekommen bist.

Nicht durch die Augen eines Kindes

Aufstellungen zeigen größere Zusammenhänge. Sie zeigen den Vater jenseits unserer Kindheitserfahrungen. Wenn es uns möglich ist, auf den Vater nicht aus den Augen eines Kindes zu schauen, sondern mit den Augen eines Erwachsenen, dann geschieht Heilung. Denn ein Kind urteilt nach seinen Kindheitserfahrungen. Es ist nicht in der Lage, das Existentielle und Schicksalhafte zu verstehen, in das der Vater eingebunden war.

Sein Urteil über den Vater ist ein Kinderurteil. Manchmal leben wir mit diesem Kinderurteil ein Leben lang. Doch als Erwachsene können wir neu auf den Vater schauen. Mit allem, was ihn in den Dienst genommen hat, was er erlebt und überstanden hat, mit seinen Verstrickungen und all seinem Schicksal.

Und mit den Augen des Erwachsenen sehen wir plötzlich ein neues Bild. Der Vater war stark, hat Schreckliches überlebt, war Kamerad für seine Kameraden, war voller Liebe und innerer Schönheit, konnte durchhalten, war musisch, liebevoll und groß.

Die Last, Deutsche zu sein

Eine Klientin schreibt mir, sie empfinde es als eine sehr bedrückende Last, Deutsche zu sein. Ich antworte ihr auf ihren Brief: „Zu Deinem Gefühl, die Last, Deutsche zu sein: Ja, es gab unfassbares Leid und Schuld. Ich kann es mit großer Demut nur anerkennen, wie es war. Wiedergutmachung ist ausgeschlossen, auch Sühne.

Doch für mich ist es eine unglaublich große Leistung, die die Deutschen vollbracht haben, diesen ganzen unfassbaren Krieg und die Zeit danach zu überleben. Auch wenn mein Vater alkoholkrank aus dem Krieg zurückgekommen ist, so sehe ich seine übermenschliche Kraft, trotz des ganzen Entsetzens es geschafft zu haben, zu überleben und zurück zu kommen.

Auch das sehe ich, wenn ich auf „Die Deutschen“ schaue. Nicht nur Goethe und die großen Geister der Aufklärung, auch die übermenschliche Leistung aller, die „im Namen von Gott und Vaterland“ durch diesen Krieg und die Zeit danach gegangen sind. Und Deutschland ist für mich auch die Wiedervereinigung ohne Blutvergießen und die Fähigkeiten aller großen Wissenschaftler, Künstler, Ärzte und Therapeuten und das soziale Netz.

Es steht mir nicht zu, mich in das Vergangene einzumischen, doch das Gute weiterzuführen, das aus all dem Leid entstanden ist, das ist die große Chance für mich als Nachgeborene in unserer Zeit. Auch in der Aufstellungsarbeit.“

Heilungsimpulse für die Seele

Aufstellungen können nur Heilungsimpulse sein. Hier geht es vor allem darum, die Größe der Kräfte anzuerkennen, vor dieser Größe und deren Auswirkungen inne zu halten und auf das Verlangen nach Wiedergutmachung, Vergeltung und Wertung zu verzichten.

Falls auch dein Vater oder dein Großvater im Krieg war und du Schwierigkeiten in deinem Leben lösen möchtest, dann ist eine Aufstellung ein guter heilsamer Weg. Wenn du dir nicht sicher bist, ob eine Familienaufstellung für dich der nächste gute Schritt sein kann, dann kannst du als Stellvertreterin oder als Stellvertreter die Aufstellungsarbeit im Seminar kennenlernen. Hier findest du die Termine und kannst dich hier auch anmelden.

Wenn du dir nicht sicher bist, ob eine Familienaufstellung für dich der nächste gute Schritt sein kann, dann kannst du dir hier die PDF 5 Schritte zu mehr innerer Freiheit herunterladen. Oder du kannst als Stellvertreterin oder als Stellvertreter die Aufstellungsarbeit im Seminar kennenlernen. Hier findest du die Termine und kannst dich auch anmelden.

Was kannst du jenseits einer Aufstellung noch tun? Suche dir ein positives Männerbild. Das trifft für Männer und Frauen zu. Manchmal ist es ein Lehrer, ein spiritueller Lehrer oder ein Therapeut. Es ist ein Mann, der dich wahrnimmt mit offenem Herzen dir zugewandt ist. Der sich für dich und dein Sosein interessiert. Jenseits einer Paarbeziehung.

Dieser Mann ersetzt deinen Vater nicht. Denn deinen Vater kann niemand ersetzen. Doch er lässt dich die Erfahrung machen, was dein Vater in seinem tiefsten Wesen jenseits aller Verstrickungen und Traumatisierungen auch war: Eine wunderbare große Kraft.

Ein Hauch von Schmerz

Mein Vater ist schon 45 Jahre nicht mehr in dieser sichtbaren Welt, und ich merke beim Nachdenken und Schreiben, wie viele Nuancen Schmerz, auch wenn es nur ein Hauch ist, noch immer da sind. Wenn ich etwas wieder gut machen könnte, dann wäre es diese Abwertung. Sehr spät erst habe ich die große Kraft fühlen können, die mein Vater hatte, diesen schrecklichen Krieg zu überleben und wieder nach Hause zu kommen. Um mir mein Leben zu schenken.

Ich wünsche dir und uns allen Frieden im Innen und Außen. Und dass es dir möglich ist, in Liebe und Achtung auf deinen Vater zu schauen.

Herzlichst
Renate

 

 


Impressum:
Text: Dr. Renate Wirth
Foto: pixabay.com

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Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
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