Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Der lange Weg der Suche

Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Der lange Weg der Suche

Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Der lange Weg der Suche

Wir alle haben das tiefe Bedürfnis zu wissen, wer unsere Eltern sind. Es ist uns zutiefst eingeerbt. Denn Vater und Mutter prägen unsere Identität. Wenn wir die Eltern nicht kennen, sind wir immer auf der Suche nach uns selbst.

In unseren Herzen haben Vater und Mutter den größten Einfluss auf unser Dasein und unser Leben.
Denn jede unserer Zellen besteht aus Vater und Mutter. Du bist förmlich Vater und Mutter. Mit allen Ereignissen, die Vater und Mutter erlebt haben.

Natürlich bringst Du auch Eigenes mit auf die Welt. Ganz Eigenes, das nur dich ausmacht, das niemand anderes hat, nur du. Und im Laufe deines Lebens fügst du immer mehr Eigenes hinzu. Doch die Grundlage bleiben Vater und Mutter. Mit allem, was deine Geburt deine Eltern „gekostet“ hat. Ohne sie wärest du nicht da. Nicht da auf dieser Welt.

Das Tor zur eigenen Identität

Es ist ein Grundrecht jedes Menschen, seine wahre Herkunft zu erfahren. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit dazu. Kinder der Babyklappe, einer anonymen Geburt und Findelkinder kennen weder Vater noch Mutter. Ihr Leben beginnt mit einem besonderen Schicksal. Die Zahl der Kinder ist nicht sehr hoch, die beide Eltern nicht kennen.

Wesentlich mehr Kinder in Deutschland kennen zwar ihre Mutter, wissen jedoch nicht, wer ihr Vater ist. Es sind Kinder von Müttern, die den Namen des Vaters nicht nennen wollen, Kinder von Samenbankvätern, Besatzungskinder nach dem Krieg oder „Kuckuckskinder“, die den Männern „untergeschoben“ wurden.

Viele dieser Kinder suchen ihren Vater. Oft ist es eine lange Suche im eigenen Inneren, manchmal auch eine Suche im Außen. Es ist eine Sehnsucht, die sie immer wieder nicht zur Ruhe kommen lässt. Sie suchen nach ihren Wurzeln, nach ihrer Identität.

Wenn die Mutter schweigt. Auf der Suche nach dem Vater

Irmgard kenne ich schon vom Kindergarten her. In der Schule hatten wir einen sehr engen Kontakt, später ist es weniger geworden und eine Zeitlang haben wir uns auch aus den Augen verloren. Schon als Kind war es etwas Besonderes, dass Irmgard keinen Vater hatte und nicht wusste, wer ihr Vater war. Damals hat es mich nicht sonderlich bewegt, denn viele Kinder hatten ja keinen Vater nach dem Krieg.

Als wir uns viel später wiedersahen, kamen wir natürlich auf das Thema Familienstellen, es war ja zu meinem Beruf geworden. Und bei einem Spaziergang erzählte sie mir, dass es sie noch immer sehr bewegte, nicht zu wissen, wer ihr Vater war. Es war wohl ein Gefühl, dass sie ein Leben lang immer wieder begleitet hatte. So habe ich Irmgard dann eingeladen, ihr Thema doch einmal aufzustellen.

Sie hatte noch nie eine Familienaufstellung erlebt. Ich habe mich sehr über ihren Brief danach gefreut. Der Brief erzählt von ihren Erfahrungen mit der Aufstellungsarbeit, aber auch von ihrem Anliegen und dem, was danach kam. Irmgard schreibt:

„Im Juli 2015 hatte ich mich entschlossen, an einem Wochenendseminar zur Familienaufstellung teil zu nehmen. Bis dahin kannte ich Familienaufstellungen nur vom „Hören, Sagen, Lesen“. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie „mein Problem“ dadurch gelöst werden sollte. Dieses trug ich schon viele Jahre mit mir herum, ohne zu bemerken, wie es mich immer mehr vereinnahmte.

Ich wusste nicht, wer mein leiblicher Vater ist. Wenn ich meine Mutter darauf hin ansprach, wich sie mir aus und weinte. Mit meinem Cousin, der ihr sehr nahestand, vereinbarte ich, dass er sie bitten würde, das „Geheimnis“ in einem verschlossenen Umschlag in seinem Safe zu hinterlegen. Er wollte mir diesen nach ihrem Tode überreichen.

Kurz danach starb meine Mutter unerwartet im Alter von 61 Jahren. Das Gespräch hatte nicht stattgefunden und meine Mutter hatte die für mich wichtige Information mit ins Grab genommen. Sie hatte, aus welchem Grund auch immer, mit keinem Menschen darüber gesprochen. Selbst in der Geburtsurkunde war kein Eintrag.

Zu Beginn des Seminars empfing mich eine warme Atmosphäre, ein Raum mit Stuhlkreis und vielen Zellstofftaschentüchern. Überrascht hat mich die große Teilnehmerzahl. Ob ich damit wohl zu meinem Ziel komme, waren meine Befürchtungen. Ich entschied, mir erst einmal einige Aufstellungen anzuschauen.

Zur ersten Aufstellung meldete sich ein Mann. Auch ein überraschender Fakt für mich. Ein Drittel der Beteiligten waren Männer. Als sich die vom Aufstellenden selbst ausgewählten Personen stellvertretend für Mitglieder des Familiensystems in Bewegung setzen und Aktionen folgten, dachte ich: „Das spielen die doch jetzt“.

Dass dem nicht so war erlebte ich bei der 2. Aufstellung. Hier wurde ich gebeten, die Mutter zu vertreten. Ich war plötzlich in der Rolle der Mutter und kam mir vor wie fremd gesteuert. Auch bei weiteren Vertretungen tat ich Dinge, die mit Emotionen und Verstand nicht zu erklären sind, mich aber im Nachgang noch sehr bewegten.

Am 2.Tag des Seminars wollte ich es wissen, was macht eine Aufstellung mit mir und mit meinem Thema als Aufstellende. Nachdem ich vor allen Beteiligten mein Thema dargelegt hatte (dies kann auch anonym erfolgen), suchte ich mir die Stellvertreter für mein Familiensystem aus und „ordnete“ sie im Raum.

Ich stand in der Mitte, meine Mutter und Vater stellte ich rechts und links voneinander entfernt in meine Blickrichtung. Die Großeltern mütterlicherseits seitlich von mir und die väterlicherseits am Ende des Raumes zu meinem Rücken.

Als erstes ging ich auf meine Mutter zu, umarmte sie und weinte unendlich viele Tränen. Dann kam mein Vater auf uns zu. Wir haben ihn beide weggestoßen und uns etwas entfernt. Er ging zurück und legte sich hin. Ein Zeichen von Krankheit oder Tod, wie ich aus den anderen Aufstellungen wusste.

Ich hatte plötzlich das Bedürfnis zu ihm zu gehen und legte mich zu ihm. Wir drückten uns lange und innig, obwohl es ein fremder Mensch war. Freudentränen rollten und ich sagte ihm, dass es mir gut geht und ich zwei tolle Kinder habe. Darauf hin hob er den Daumen und lächelte. Das war ein unglaublich schöner Moment, der mir die Kraft für das Danach gegeben hat.

Meine Mutter hat dann liegend Nähe zu meinem Vater gefunden. Die Großeltern mütterlicherseits haben sich schützend hinter mich gestellt. Die Großeltern väterlicherseits haben ihre Ablehnung zu mir deutlich gemacht, in dem sie sich zurückgezogen haben und keine Mine verzogen bei meinen Annäherungsversuchen.

Jetzt beim Aufschreiben bin ich erneut sehr aufgewühlt. Über ein Jahr danach weiß ich zwar immer noch nicht, wer mein Vater ist, aber das Thema bestimmt nicht mehr mein Leben. Die Familienaufstellung hat mir aufgezeigt, dass mein Vater stolz auf mich ist und mein Leben verfolgt hat. Auch kann ich jetzt meine Mutter verstehen, dass sie dieses „Geheimnis“ nicht preisgeben wollte bzw. konnte. Ich bin dankbar für das Angebot der Familienaufstellung. Möge noch vielen Menschen diese Lebenshilfe zu teil werden.“ Ich danke dir Irmgard.

Es ist nicht möglich, in einer Aufstellung herauszufinden, wer dein Vater ist. Doch es ist eine große Erfahrung, die Zusammenhänge zu sehen und zu erleben und Kontakt zu haben. Damit die Kinderseele und wir als Erwachsene Frieden finden können. Denn wenn du deinen Vater nicht kennst, so hast du dennoch das Bedürfnis nach einem inneren Vaterbild. Das ist in der Aufstellung möglich.

Auch ich erinnere mich noch gut an Irmgards Aufstellung. Auch an die ablehnende Haltung der väterlichen Großeltern. Ist das nun ein Bild, das den Seelenfrieden von Irmgard stört? Nein. Es ist ein Bild, dem sie zustimmen kann. Es war deutlich zu sehen, die Großeltern haben sich zurückgezogen, warum auch immer. Irmgard konnte dem zustimmen, vollkommen ohne Enttäuschung. Es war so.

Irmgard ist eine lebensfrohe, starke und wunderbare Frau, die ein intensives und gutes Leben lebt. Die Vorstellung, dass ihr Vater gut auf sie schaut von da, wo er jetzt ist, hat noch bestätigt, dass sie wohl allezeit behütet war. Dass sie die väterliche Kraft und Liebe alle Jahre schon in sich getragen hat. Die Aufstellung hat ihr dazu neben einer tiefen Erfahrung nun noch ein inneres Bild geschenkt.

Wenn ein seltsames Vatergefühl das Leben begleitet

Manchmal höre ich: „Mit meinem Vater hatte ich seit Jahren schon ein sehr seltsames Gefühl. Ich hatte die Phantasie, er wäre nicht mein Vater. Bin ich vielleicht vertauscht? Vielleicht sind das gar nicht meine Eltern? Vielleicht bin ich adoptiert?“

Kinder spüren, wenn etwas in der Familie nicht stimmt. Wenn sie aber nicht wissen, was das ist, dann übermannen sie immer wieder die verschiedensten Gefühle, die sie nicht zuordnen können. Sie fragen sich: Es ist doch alles in Ordnung! Wie kommt es dann, dass ich mich unsicher, den Eltern gegenüber abwehrend und aggressiv verhalte, manchmal so traurig bin und mich manchmal so deplatziert fühle?

Im Artikel geht es um Findelkinder, um die Kinder der Babyklappe, um Kinder von Samenbankvätern, die ihre Herkunft nicht kennen, um Kuckuckskinder, die dem Vater untergeschoben werden und um die Kinder aus Vergewaltigungen und Liebesbeziehungen der Alliierten am Ende des Krieges und in der Zeit danach.

Findelkinder

Jetzt ist es wohl in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern eher selten, dass Kinder vor der Kirchentür oder an einem anderen Ort ausgesetzt werden, damit sie jemand findet und sich ihrer annimmt. Ich hatte in all den Jahren nur einmal eine Klientin, die mit diesem Thema zur Aufstellung kam.

Die Klientin war im Alter von etwa 8 Wochen im Wald gefunden worden. Sie wurde adoptiert und hatte eine beschützte Kindheit. Dennoch war sie immer auf der Suche nach ihren Eltern. Sie hatte schon sehr viel unternommen, selbst ein Film wurde schon über ihren Weg gedreht, doch es kam kein Lebenszeichen von ihren Eltern. Nun wollte sie eine Familienaufstellung machen.

Ich werde diese Aufstellung nie vergessen. Sie stellte sich, die Adoptiveltern und die leiblichen Eltern auf. Die Adoptiveltern standen hinter ihr. Die leibliche Mutter wich zurück bis in die letzte Ecke des Raumes und begann herzzerreißend zu schluchzen. Genauso verhielt sich der Vater. Er ging rückwärts in die andere Ecke des Raumes, weinte und schaute zu seiner Tochter.

Eine große Liebe erfüllte den Raum. Die Klientin begegnete beiden mit den Augen, es war aber keinem der drei möglich, den Abstand zu verringern. Auch die Klientin weinte aus ganzem Herzen. Als sie sich etwas beruhigt hatte bat ich sie, den Eltern zu sagen: „Es geht mir gut, ich bin groß geworden. Es ist so schön, dass ich Eure Liebe sehen kann.“ Da beruhigte sich das Weinen der Eltern etwas und sie schauten mit einem schmerzhaften Lächeln voller Liebe auf ihre Tochter. Für alle war es fühlbar: Es entstand Frieden im Raum.

Oft steht ein großes großes Leid der Eltern hinter der Entscheidung, das Kind wegzugeben. So auch bei dieser Klientin. Wenig später sagte sie mir, sie hätte nun das Gefühl, sie könne aufhören zu suchen. Ich habe nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht ist der Frieden, der damals mit der großen Liebe der Eltern den Raum erfüllte, bei ihr geblieben.

Kinder der Babyklappe, die anonyme und vertrauliche Geburt

Seit dem Jahr 2000 gibt es in mehreren Städten die Babyklappe, in die Kinder nach der Geburt sicher abgegeben werden können. Vielen Kindern wurde so das Leben gerettet. Sie finden in Adoptionsfamilien ein gutes Zuhause. Was es später für das Kind bedeutet ist sicherlich individuell sehr verschieden. Es gibt bisher dazu keine Aufstellungserfahrungen.

Bei der vertraulichen Geburt können Frauen im Krankenhaus entbinden. Niemand erfährt ihren Namen. Die Frau schreibt ihre Daten und die Herkunft des Kindes nur einmal auf, der Umschlag wird sofort verschlossen und ausschließlich das Kind hat das Recht, ab dem 16. Lebensjahr diesen Umschlag zu erhalten, um zu wissen, wer seine leiblichen Eltern sind.

Kinder von Samenbankvätern

Künstliche Befruchtung ist eine weit verbreitete, inzwischen etablierte Methode der Fortpflanzung.
Mehr als 100.000 Kinder in Deutschland verdanken ihr Leben einer Samenspende, die seit etwa fünfzig Jahren in Deutschland eine legale Methode der Kinderwunscherfüllung ist.

Der Samenspender ist ein vom Paar meist unbekannter Dritter oder bei gewollt alleinerziehenden Frauen ein Zweiter. Ärzte haben seit etwa drei Jahrzehnten die Pflicht, Auskunft über den Spender zu geben, wenn dies gewünscht wird, und Kinder haben gesetzlich das Recht, ab ihrem 16. Lebensjahr Kenntnis von ihrem genetischen Vater zu erhalten.

Doch nicht immer können sie auch ihr Recht in Anspruch nehmen, da Angaben fehlen. Im Verein „Spenderkinder“ haben sich die inzwischen erwachsenen Kinder zusammengeschlossen, um miteinander nach ihren Vätern zu suchen und sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen zu unterstützen. Sie möchten wissen, wer ihr Vater ist.

Das Buch „Spenderkinder“ von Wolfgang Oelsner und Gerd Lehmkuhl lässt zehn dieser „Spenderkinder“ in Interviews zu Wort kommen mit ihren sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Erlebnissen, Wünschen und Sichtweisen.

Doch nur etwa 10 Prozent der durch Samenspende gezeugten Kinder wissen von der Art und Weise ihrer Zeugung oder kennen gar ihren leiblichen Vater. Was bedeutet das systemisch? Es ist wichtig, es irgendwann dem Kind zu sagen. Es hat ja zwei Väter und dreimal Großeltern.

In der Aufstellung steht der leibliche Vater neben dem Ziehvater und der Ziehvater neben der Frau. Der Ziehvater und die Frau sind ja das Paar. Das Kind kann neben der Mutter stehen oder auch allen gegenüber und das Bild in sich aufnehmen.

Es braucht vor allem auch Dank. Der Frau zu ihrem Mann, der Mann zum leiblichen Vater, auch die Frau zum leiblichen Vater. „Danke, dass wir unser Kind haben dürfen.“ Es ist wichtig, zu betonen, dass es „unser“ Kind ist. Und dass die Eltern dem leiblichen Vater dankbar sind, sie aber die Eltern sind. Für das Kind ist es zumeist ein langer Prozess, das Leben dankbar anzunehmen, so wie es das Leben bekommen hat.

Das bedeutet letztendlich einen großen Verzicht des Kindes. „Wenn das der Preis ist, dass ich lebe, stimme ich dem zu. Mit allem, was es mich kostet und gekostet hat. Ich nehme das Leben so, wie ich es bekommen habe. Danke.“ Das ist ein großer Vollzug im Herzen. Meist geht dem Trauer voraus. Auch diese braucht Raum und alles braucht eine angemessene Zeit und manchmal genügt auch eine Aufstellung nicht. Denn das Thema ist groß und hat viele Facetten.

In einer Aufstellung kann man sehen, dass es auch möglich ist, dass ein „Spenderkind“ mit einem Familienmitglied der Familie des Spendervaters verbunden ist, so zum Beispiel mit der Großmutter väterlicherseits. Oder auch mit traumatischen Ereignissen in der väterlichen Herkunftsfamilie. Selbst wenn es den Spendenvater nicht kennt und auch nichts von dessen Familiengeschichte weiß.

Je nach dem Anliegen, mit dem die Teilnehmerin oder der Teilnehmer zum Aufstellungsseminar kommen, werden sich sehr verschiedene Dynamiken zeigen. Es ist ja zumeist ein Symptom, weshalb sich das „Spenderkind“ für einer Aufstellung entschieden hat.

Das können Symptome sein wie: „Ich bin immer auf der Suche.“ oder „Ich habe das Gefühl, nicht bei mir selbst ankommen zu können.“ oder „Ich wünsche mit einen Partner.“ oder „Mein Verhältnis zu meinen Eltern ist schwierig.“ Oder „Ich habe ein gesundheitliches Problem.“ Und vieles mehr. Je nach der Fragestellung werden sich ganz verschiedene Dynamiken zeigen. Eine der Dynamiken kann sein, dass das „Spendenkind“ in seiner Seele mit Dynamiken der väterlichen Herkunftsfamilie verbunden ist. Doch dies kann erst die Aufstellung zeigen.

Es werden sich in Zukunft mit Sicherheit noch neue wichtige Erkenntnisse zu den systemischen Dynamiken in der Familiengeschichte von „Spendenkindern“ zeigen. Die Aufstellungsarbeit ist da noch am Beginn. Die „Spenderkinder“ sind ja zum großen Teil noch jung, und der Weg zur Aufstellungsarbeit ist noch nicht sehr verbreitet.

Sicher werden viele „Spenderkinder“ mit ihrer Herkunft und ihrem Leben ganz im Einklang sein. Doch wenn es anhaltend nicht so ist, wenn die Seele immer auf der Suche ist und nicht ankommen kann oder andere Symptome das Leben einengen, dann ist eine Familienaufstellung ein zusätzlicher Schritt auf dem Weg, dem leiblichen Vater in der Seele zu begegnen.

Wenn du dir nicht sicher bist, ob eine Familienaufstellung für dich der nächste gute Schritt ist, dann kannst du dir hier kostenlos das eBook „5 Schritte zu mehr innerer Freiheit“ herunterladen. Oder du kannst als Stellvertreterin oder als Stellvertreter die Aufstellungsarbeit im Seminar kennenlernen. Hier findest du die Termine und kannst dich hier auch anmelden.

Kuckuckskinder

Es ist ein umgangssprachliches und auch stigmatisierendes Wort, das aber den eigentlichen Sachverhalt beschreibt. Väter ziehen Kinder groß, die nicht ihre eigenen sind, die ihnen „untergeschoben“ wurden. In Deutschland liegen die Schätzungen bei 2% bis 4% aller Kinder. Das ist viel. Was es systemisch bedeutet wird kaum diskutiert. Wir können es uns leicht vorstellen.
Das Kind ist irritiert, immer auf der Suche, ohne zu wissen wonach, und vertritt oft unbewusst den leiblichen Vater.

Aufstellungen zu diesem Thema sind sehr vorsichtig zu leiten. Die Aussage „in einer Aufstellung ist rausgekommen, dass ich wohl einen anderen Vater habe“ finde ich glattweg gefährlich.
Wir ersetzen mit einer Aufstellung keinen Vaterschaftstest und sind auch keine Richter oder Wahrsager.

Wenn ich das Gefühl habe, dass da in der Aufstellung noch jemand fehlt, dann stelle ich noch eine Person hinzu. An der Art der Dynamik kann man vielleicht sehen, dass es ein anderer Vater sein kann. Aber ich würde mich hüten, diese Vermutung auszusprechen.

Ich sage dann vielleicht: „Es sieht aus, als wenn es noch eine starke Bindung zu einem anderen Familienmitglied gibt. Vielleicht zeigt sich etwas in der nächsten Zeit, wer das sein könnte. Forsche nicht nach. Wenn du es wissen sollst, wird es sich zeigen. Vielleicht erzählt jemand etwas. Du wirst sehen. Bleib bei dem Endbild. Und deiner Liebe zu diesem Menschen.“

Rechtlich gibt es viele Bestrebungen. Ihr findet vielerlei im Internet, zu Vaterschaftstests und allem, was mit diesem Thema zusammenhängt. Systemisch wird es jedoch erst dann gut werden, wenn die eigentliche Liebe gesehen wird und die Leistung des Ziehvaters gewürdigt und anerkannt wird. Eine Verurteilung der Mutter steht uns nicht zu und ist systemisch nicht hilfreich, auch ihre Liebe und ihre Handlung brauchen Anerkennung. Es ist ein sehr feinfühliges Thema. Doch grundsätzlich hat wohl jedes Kind das Recht zu wissen, wer seine Eltern sind.

Aufstellungen ersetzen keinen Vaterschaftstest, sind aber dennoch sehr heilsam, um sich selbst und die eigene Situation besser zu verstehen und der eigentlichen Liebe Raum zu geben.

Die Kinder der Besatzer

Nach wissenschaftlichen Angaben wurden von 1945 bis 1955 mindestens 400.000 Kinder von Alliierten Soldaten mit deutschen Frauen gezeugt. Briten, Sowjets, Amerikaner und Franzosen waren die Väter dieser Kinder. Direkt zu Kriegsende waren es massive Vergewaltigungen, später begann eine Beziehungsphase. Da es ein Fraternisierungsverbot gab, waren diese Beziehungen oft großen Gefahren ausgesetzt. Auch die Kinder wurden oft als Bastarde oder Russenkinder stigmatisiert und waren massiven Angriffen und Abwertungen ausgesetzt.

Es waren Kinder der Gewalt, aber auch Kinder der Liebe. Wenn es zwischen den Eltern eine Liebesbeziehung gab und dies aufgedeckt wurde, wurden die Männer zumeist sofort bestraft oder „nach Hause geschickt“. Ein Klient erzählte, nachts sei ein LKW vorgefahren, Männer hätten den Vater gepackt, auf den LKW geworfen und niemand hätte mehr ein Lebenszeichen von ihm erhalten.

In den Familiengeschichten der Menschen, die zur Aufstellung kommen höre ich immer wieder: Der Vater des Vaters oder der Mutter, da weiß niemand, was mit ihm war. Mein Vater nicht und auch die Großmutter hat nichts erzählt. Doch in der Systemischen Arbeit sehen wir immer wieder: Wenn jemand ausgeschlossen ist in der Familie, durch ein Tabu oder ein Geheimnis oder durch einen tiefen Schmerz, dann „vertritt“ ihn oft, völlig unbewusst, ein Nachgeborener. Es ist oft der Enkel oder die Enkelin. Es ist, als wenn das Familiensystem es nicht erlaubt, dass jemand ausgeschlossen wird.

„Vertreten“ heißt, der Enkel verhält sich im ganz normalen Leben ähnlich wie der Großvater. Oder die Tochter wie der unbekannte Vater. Sie sind mit dem, der fehlt, verbunden. Kinder sind auf der Suche. Die heute knapp über Siebzigjährigen suchen noch immer ihren Vater. Manchmal machen es ihre Kinder für sie, manchmal auch ihre Enkel. Sie recherchieren, reisen an ferne Orte und verfolgen die Spur des Vaters oder Großvaters. Und nicht selten hat ihre Suche Erfolg.

Manchmal war eine Aufstellung der erste Schritt dazu. Um die Liebe und Bindung zu erkennen zwischen den Eltern, aus der sie hervorgegangen sind. Und für diese Liebe lohnte sich die Suche.

Kinder der Reproduktionsmedizin

Es gibt noch zu wenig Erkenntnisse und Erfahrungen, wie sich die verschiedenen Verfahren der Reproduktionsmedizin auf die Seele der Kinder und deren Geschwister und auf die Seelenbewegungen der Eltern auswirken. Es bleibt abzuwarten. Wichtig ist es, wertfrei auf den Klienten und seinen gewählten Weg zu schauen. Denn niemand weiß, auch wir nicht, welche Kräfte die Klienten führen und was zu leben und zu genießen, aber auch was zu tragen ihnen schicksalhaft zugedacht ist.

Bleiben wir also stets offen für alles Neue, stets wertfrei und immer ausnahmslos zugewandt.

Falls auch du oder einer deiner Eltern nicht weiß, wer sein Vater ist und es dir keine Ruhe lässt, dann komm zu einer Aufstellung. In der Aufstellung kannst du die Beziehungen und größeren Zusammenhänge sehen. Und vielleicht kann dann, so wie bei Irmgard, die Seele endlich beim Vater ankommen. Dann kann die Suche ein Ende finden und innerem Frieden Raum geben.

Wenn du dir nicht sicher bist, ob eine Familienaufstellung für dich der nächste gute Schritt ist, dann kannst du dir hier kostenlos das eBook „5 Schritte zu mehr innerer Freiheit“ herunterladen. Oder du kannst als Stellvertreterin oder als Stellvertreter die Aufstellungsarbeit im Seminar kennenlernen. Hier findest du die Termine und kannst dich hier auch anmelden.

Herzlichst
Renate

 

 


Impressum:
Text: Dr. Renate Wirth
Foto: pixabay.com

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Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
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