Kategorie: Großeltern

Das Leben meiner Großeltern. Wie es noch immer in mir wirkt.

Das Leben meiner Großeltern. Wie es noch immer in mir wirkt.

Das Leben meiner Großeltern. Wie es noch immer in mir wirkt.

Meine Großmutter Ida, die Mutter meiner Mutter, wurde 1882 geboren. Sie war 70 Jahre alt, als ich zur Welt kam. Ich habe mit meiner Großmutter bis zu meinem 17. Lebensjahr ein Zimmer geteilt. Am Abend, wenn wir beide im Bett waren, hat sie erzählt. Es waren ihre Lebensgeschichten, mit denen ich aufwuchs. Wahre Geschichten. Sie hatte den Kaiser miterlebt, den ersten und den zweiten Weltkrieg, hatte Hunger, die Inflation und untröstlichen Kummer erlebt. Und war trotz allem liebevoll und zugewandt geblieben. Sie war mein Schutz, meine Lehrerin, meine geliebte Großmutter.

Meine Familie

Das Foto oben zeigt meine Familie zur Goldenen Hochzeit meiner Großmutter Ida mit meinem Großvater Heinrich, den Eltern meiner Mutter. Ich bin der kleine blonde Lockenkopf auf dem Schoß meiner Mutter. Außer mir und meiner Schwester, die mir die Erlaubnis gegeben hat, das Bild zu verwenden, lebt heute niemand mehr von den Personen auf diesem Bild.
Doch das ist nicht wirklich so. Die Geschichten derer auf dem Bild sind in mir erhalten geblieben. Sie haben mich geprägt, sie leben in mir weiter. Und einige der Erlebnisse prägen auch heute noch meinen Lebensweg.
Ist es „Zufall“, dass meine Eltern nicht nebeneinander sitzen? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Geschichte meiner Eltern in keiner Hinsicht leicht war und dass sie gut erklären kann, wie es dazu kam, dass beide auf dem Foto nicht nebeneinander sitzen.
Das Foto entstand 5 Jahre, nachdem mein Vater aus dem Krieg zurückgekommen war. Krieg und Gefangenschaft hatten ihn für immer verändert und geprägt. Aus beiden Familien, sowohl von meinen Großeltern mütterlicherseits als auch von meinen Großeltern väterlicherseits gab es viel Schweres, das auf der Familie lastete. Auf dem Foto ist es nicht zu erkennen. Hier kann man sehen: Es gab auch Freude. Auch diese Seite gab es.

Meine Großmutter Ida, die Mutter meiner Mutter

Meine Großmutter war klein und zierlich, ich denke, sie war nur eineinhalb Meter groß. Doch es konnte ihr niemand etwas vormachen. Sie war weise und klar. Vieles, was ich an Lebensweisheiten besitze, habe ich wohl von meiner Großmutter. Ihre Sätze waren kurz, aber immer trafen sie ins Schwarze.

Sie hatte 1901 mit 19 Jahren ihren ersten Sohn geboren. Leidvoll. Denn der Großvater hatte sie nicht geheiratet. In der Entbindungsklinik unverheiratet zu sein war damals eine Schande. Sie hat es ihm wohl nie wirklich verziehen, die Schmach, die sie dadurch erlebt hat. Erst im Juni 1903, als der zweite Sohn unterwegs war, hat der Großvater sie dann geheiratet.

Übernommene Gefühle

Dass ich so viel von meiner Omi Ida übernommen hatte wurde mir erst spät bewusst. So beispielsweise auch das klare und bestimmte Gefühl, dass es wichtig ist, zu heiraten. „Einfach so zusammen zu leben“ kam für mich nicht in Frage. Es war vollkommen ausgeschlossen. So habe ich auch schon mit 19 Jahren das erste Mal geheiratet. Nicht weil ich schwanger war, einfach aus Liebe. Und weil es für mich selbstverständlich war, sich durch die Heirat zueinander zu bekennen.

Selbst jetzt noch, in Zeiten der freien Entscheidung, käme für mich ein Zusammenleben ohne Hochzeit nicht in Frage. Das ist ganz sicher ein übernommenes Gefühl, denn bei anderen Paaren kann ich dem ganz problemlos zustimmen.

1905 wurde der dritte Sohn meiner Großeltern geboren, der durch einen tragischen Unfall 1907 mit nicht einmal zwei Jahren verstarb. Er trug den Namen Walter. Der vierte Sohn, auch Walter, kam 1909 zur Welt. Er starb mit 9 Monaten an einer Kinderkrankheit.

Hauptsache, die Kinder haben genug zu essen

Zwei Söhne hatte meine Großmutter verloren. Später verlor sie auch ihre beiden ersten Söhne. Der älteste Sohn starb als junger Mann zur Zeit der Inflation an den Folgen des Hungers. Für mich war es essentiell, dass ich meinen Kindern und meiner Familie genug Essen auf den Tisch stellen konnte. Meine Töpfe waren immer zu groß, es blieb immer etwas übrig. Aber alles andere hätte mir Panikgefühle gemacht.

Auch das kam von meiner Großmutter. „Hauptsache, die Kinder haben genug zu essen.“ war einer ihrer Sätze. Dieser Satz relativierte so manches Problem. Und ich hatte ihn übernommen. Auch später, in guten Zeiten, war er einer meiner Leitsätze geworden.

Diese große tiefe Sehnsucht

Der zweite Sohn ging zur Zeit der Inflation zur Fremdenlegion. Es war wohl keine freiwillige Entscheidung. Meine Großmutter hat ein Leben lang meinen Großvater dafür verantwortlich gemacht. Sie war ihm dafür abgrundtief böse. Dieser Vorwurf war zu Lebzeiten meiner Großeltern nicht aufzulösen.

Mein Onkel kam aus der Fremdenlegion nicht zurück. Er wurde vermisst. Meine Großmutter wartete jeden Tag auf eine Nachricht von ihm, bis an ihr Lebensende. Und jeden Abend fragte sie: „Ob er wohl wiederkommt?“ Er kam nicht zurück. Sie hatte 4 Söhne verloren.

Übernommene Gefühle

Ich kannte diese große tiefe Sehnsucht auch in mir. Sie war wie ein loderndes Feuer, schmerzhaft und oft fast unerträglich. Dieses tägliche Warten, ich wusste nicht worauf denn eigentlich. Und diese Vorwürfe gegenüber meinem Mann, die meist unberechtigt waren. All das hatte ich von meiner Großmutter übernommen. Nicht weil sie es wollte, sie wollte nur Gutes für mich. Ich hatte es aus Liebe übernommen.

Meine Großeltern sind alt geworden. Erst in einer Aufstellung, etwa dreißig Jahre nach dem Tod meiner Großmutter, konnte sich dieses Gefühl des abgrundtiefen Vorwurfs meiner Großmutter gegen meinen Großvater lösen und der gemeinsame Schmerz über den Verlust ihrer Söhne durfte endlich sein.

Nach dieser Aufstellung milderte sich meine Sehnsucht. Sie wurde erträglicher. Und noch etwas Schönes geschah nach dieser Aufstellung: Ich hatte viel mehr Freude an der Eigenheit meines Mannes. Die Vorwürfe waren verschwunden, ich konnte ihn endlich sehen als der, der er ist: Ein wunderbarer ganz besonderer Mann. Nicht mehr aus der Verstrickung heraus. Jetzt mit einem klaren Blick und einem leichteren Herzen.

Damit die Sehnsucht jedoch ganz gehen konnte, brauchte ich noch mehrere Aufstellungen. Doch davon später.

Mein Großvater Heinrich, der Vater meiner Mutter

Mein Großvater ist 1880 geboren. Er war ein junger Mann, als er im ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Den ganzen Krieg über war er an vorderster Front. Nie hat er mir davon erzählt. Es war, als hätte dieser Krieg nicht existiert. Nur von meiner großen Schwester weiß einiges weniges darüber.

Das, was in den Kriegen geschehen ist, war verrückt, unbegreiflich groß, kaum artikulierbar und nicht fassbar. Keiner der Männer, die 1918 als „Verlierer“ aus dem Krieg zurückkam, hat irgendwelche Hilfen bekommen. Es musste weitergehen. Aber wie ging es weiter? Mit Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut. Ich kann nur erahnen, welche unglaubliche Leistung meine Großeltern erbracht haben.

Später war mein Opa Heinrich Schuster. In meiner Erinnerung sitzt mein Großvater auf seinem Schusterschemel in der Küche und besohlt Schuhe. Er hatte einen Vogelbauer mit einem Zeisig in der Küche. Die Leidenschaft meines Opas waren Bücher. Jede Woche ging er zur Bibliothek und tauschte Bücher. Besonders die Bücher über Expeditionen in den hohen Norden kannte er alle. Er ist niemals selbst gereist, dafür gab es kein Geld. Aber in seinen Büchern ging er auf Reisen.

Seine Liebe zum hohen Norden habe ich wohl von ihm übernommen. Habe ich doch später Hundeschlittenkurse angeboten und durchgeführt. Und auch das Reisen mag ich sehr. Als mein Großvater starb habe ich im Sarg seine Hand berührt. Ich war 10 Jahre alt und er war der erste tote Mensch, den ich sah. Für mich hatte dieser Tod etwas friedliches.

Ich habe meinen Großvater gut in meinem Herzen. Doch verstrickt war ich wohl mit ihm nicht. Scheinbar übernehmen wir als Mädchen eher die Gefühle der Großmütter. Und Jungen eher die der Großväter. Es ist kein Gesetz, doch ich habe es in den Aufstellungen immer und immer wieder gesehen.

Meine Großmutter Hedwig, die Mutter meines Vaters

Die Eltern meines Vaters habe ich leider nie kennengelernt. Ich habe sie nur einmal im Leben gesehen, als ich drei Jahre alt war. Ich habe nur wenig Erinnerungen an diesen Besuch. Sie wohnten „jenseits der Grenze.“ Später war es nicht möglich, sie zu besuchen.

Meine Großmutter Hedwig hatte zwei Söhne im Krieg verloren, sie waren im gleichen Jahr gefallen. Nur mein Vater, der älteste der Söhne, kam aus dem Krieg zurück. Doch nach dem Bau der Mauer hat meine Omi Hedwig ihren Sohn nie wieder gesehen.

Sie lag 10 Jahre krank im Bett, die drei Schwestern meines Vaters haben sie gepflegt. Die Tanten konnte ich nach der Grenzöffnung noch kennenlernen. Sie erzählten, dass ihre Mutter immer gefragt hat: „Ob er denn nochmal kommen wird?“ Wie ähnlich war das Schicksal meiner Großmütter!

Doch mein Vater kam nicht. Er konnte nicht kommen, die Mauer war dazwischen. Das Telegramm, dass sie verstorben war, bekam er 4 Wochen nach ihrem Tod.

Ich habe meine väterlichen Großeltern nicht kennengelernt. Dass ich dennoch tief mit meiner Großmutter Hedwig verbunden war zeigte dann eine Aufstellung zum Thema Sehnsucht. Die Sehnsucht stand in meinem Rücken und ich zwischen meiner Omi Hedwig und meinem Vater. Ich habe ihrer beider Sehnsucht getragen. Die Aufstellung hat mir Erleichterung gebracht und meiner Omi und meinem Vater endlich, endlich das so lange ersehnte Wiedersehen. Diese Erfahrung war sehr tröstlich für mich. Meine Sehnsucht milderte sich, doch sie blieb weiterhin auch noch nach dieser Aufstellung.

Mein Großvater Paul, der Vater meines Vaters

So wenig weiß ich über meinen Großvater Paul. Erinnern kann ich mich nicht an ihn. Dass ich dennoch mit ihm verstrickt war, hat mich sehr erstaunt. Meine väterlichen Großeltern wurden nach dem ersten Weltkrieg ausgesiedelt. Zu Fuß gingen sie von Hohensalza, dem jetzigen Polen, bis ins Ruhrgebiet, da es dort Arbeit gab. Mit 5 Kindern. Mein Vater war mit 12 Jahren der Zweitälteste, drei Geschwister waren jünger.

Wieder einmal stellten wir meine Sehnsucht auf. Und das Gefühl, nicht ankommen zu können, das mich schon ein Leben lang begleitete. Ich fühlte mich an jedem Ort nicht zu Hause. Mir war klar, dass es nicht angemessen war und nicht zur Situation passte, denn ich hatte ein schönes Zuhause.

Harald Homberger stellte meine väterliche Linie auf, meine Großeltern und die alte Heimat. Manches aus der Aufstellung habe ich vergessen. Was ich aber noch genau vor meinem geistigen Auge sehe, war meine strikte und klare Hinbewegung zur Heimat meines Vaters und meiner Großeltern. Ich lag schluchzend in den Armen meiner Großeltern, die bei ihrer alten Heimat standen. Harald hat all seine Kunst angewandt, mich dort abzulösen. Ich kann mich erinnern, wie schwer es mir in der Aufstellung fiel, mich umzudrehen und auch nur wenige Schritte zu gehen. Erst als mir mein Sohn gegenübergestellt wurde war es möglich. Die Bindung an die Heimat meiner Großeltern war so stark.

Ohne Sehnsucht lebt sich’s leichter

Wieder war meine Sehnsucht ein ganzes Stück weniger geworden. Doch es brauchte noch einige weitere Aufstellungen. Zu meinem verstorbenen ersten Mann, mit dem ich noch verbunden war. Und zu meinen im Mutterleib verlorenen Geschwistern. Auch war ich mit der lebenslangen Sehnsucht der Verlobten meines Vaters verbunden, die mein Vater für meine Mutter verlassen hatte. Sehnsucht, Sehnsucht, Sehnsucht. Doch eines Tages stellte ich fest: Sie war verschwunden, diese Sehnsucht. Ich war einfach da. Und ohne Sehnsucht lebt es sich viel leichter.

Großeltern sind ein Segen

Ich weiß nicht, ob es nur bei mir und meinen Geschwistern so ist: Großeltern sind ein Segen. Natürlich sind bei uns allen die Großeltern oberwichtig, denn ohne die Großeltern gäbe es die Eltern nicht und auch wir wären dann nicht da. Was auch geschehen ist im Leben der Großeltern: Wir können nicht über sie werten. Sie sind einfach unsere Großeltern. Und alles andere ist uns zu groß. Was wissen wir schon davon? Und ob wir all das geschafft hätten, was sie erlebt und überlebt haben?

Mein Mann und ich, wir sind nun selbst Großeltern von 5 wunderbaren Enkelkindern. Ich hoffe, dass wir schon einiges in Aufstellungen klären konnten, damit diese Enkelkinder es leichter haben. Und dennoch muss wohl jede Generation ihre eigenen Herausforderungen lösen. Auf die nur ihnen angemessene Weise. Was aber ganz wunderbar ist: Es ist eine große Freude, Großeltern zu sein.

Verstrickungen und Traumata deiner Familiengeschichte lösen

Ich sage immer wieder das Gleiche: Wenn du schon vieles ausprobiert hast und dich dennoch immer wieder belastende Gefühle bedrücken oder einengende Muster dich einschränken, dann ist es ein guter Weg, eine Familienaufstellung zu machen, damit sich verborgene Dynamiken zeigen und lösen können, die dein Denken bisher nicht erfassen konnte.

Hier findest du die Termine für die Aufstellungsseminare und kannst dich hier auch anmelden. Du kannst auch einen Termin für eine Einzelaufstellung buchen. Eine Aufstellung ist immer eine Chance. Für neue heilsame Schritte.

Ich wünsche Dir, dass du im Herzen verbunden bist mit deinen Großeltern. Verbunden, aber nicht verstrickt. Und dass du dich heiter fühlst, wenn du an deine Großeltern denkst.

Alles Liebe
Renate

 

 


Impressum:
Text und Foto: Dr. Renate Wirth

www.aufstellungstage.de
www.renate-wirth.de
post@renate-wirth.de

Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
Veröffentlichen des Textes und von dessen Auszügen nur mit Erlaubnis der Autorin.

Neue epigenetische Forschungen zeigen: Trauma wird vererbt.

Neue epigenetische Forschungen zeigen: Trauma wird vererbt.

Neue epigenetische Forschungen zeigen: Trauma wird vererbt.

Ein Trauma ist eine Situation, in der sich ein Mensch an Leib und Leben bedroht fühlt und keine Chance hat zu fliehen oder gegen die Gefahr anzukämpfen. Körper und Seele erstarren. In einer solchen Situation erleben Gehirn und Seele einen Schockzustand.

Falls es nicht möglich ist, der bedrohlichen Situation durch Flucht oder Kampf zu entkommen, z.B. weil Menschen festgehalten, eingesperrt oder gewaltsam gehindert werden, sich durch eigenes Tun in Sicherheit zu bringen, schüttet das Gehirn weiter Stresshormone aus und die elektrischen Schaltkreise des Gehirns feuern, ohne etwas bewirken zu können.

So kann noch lange nach der eigentlichen Gefahrensituation das Gehirn dem Körper weiter Signale übermitteln, die ihn mit aller Kraft dazu antreiben, sich vor einer Gefahr in Sicherheit zu bringen, die gar nicht mehr existiert. Das Gehirn schüttet weiterhin die Stresshormone aus, mit dem es zum Zeitpunkt des traumatischen Ereignisses begonnen hatte, Flucht oder Kampf einzuleiten.

Die Traumata des Krieges

Die Traumata des Krieges sind unvorstellbar. Das grenzenlose Leid hat tiefe und nicht auszulöschende Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen. In den Seelen der Männer, Soldaten, der Täter und Opfer, der Frauen und Kinder.

Es gibt wohl kaum eine Familie, die nicht auf irgendeine Weise in die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges eingebunden ist, manchmal in die beider Kriege. Nach dem Krieg wurde in der Regel alles ausgeklammert: Die toten Kameraden, die toten Opfer, die Vergewaltigungen, die Plünderungen, die Ausgebrannten, die Kriegsgefangenen, die Wiederheimkehrer, die Erfahrungen der Flucht und Vertreibung. Das Leben musste weiter gehen.

All die furchtbaren traumatischen Erlebnisse waren mit dem Kriegsende nicht einfach vorbei. Sie waren unvergessen in die Herzen und Körper und in die Seelen und Erinnerungen der Menschen eingegraben. Auch wenn nie wieder davon gesprochen wurde. Auch wenn die Eltern und Großeltern erzählt haben, es wäre ihnen „nicht wirklich etwas Schlimmes passiert.“ Die erlebten Traumata veränderten ihr Leben und das der nachfolgenden Generationen. Sie wirkten und wirken noch immer im Verborgenen weiter.

Traumata wirken im Verborgenen weiter

Wir denken zumeist, die Schwierigkeiten, die wir haben, liegen an uns selbst. Wenn wir uns nur mehr anstrengen, wenn wir dies oder das anders machen würden, wenn unser Partner anders wäre, dann werden die Probleme schon zu ändern sein. Doch so ist es oft nicht. Das, was hinter unserem Problem wirkt, ist oft unbewusst und entzieht sich unserer bewussten Kontrolle. Denn Probleme können systemisch sein. Systemisch bedingt heißt, es kann aus dem Familiensystem etwas unbewusst auf uns wirken, das sich der eigenen Kontrolle entzieht.
So geschieht es oft, dass Traumata und familiäre Bindungen verhindern, liebevoll, zielgerichtet und erfolgreich den eigenen Weg zu gehen. Wir können uns noch so bemühen, es hilft nichts. Denn schmerzhafte Ereignisse und Traumata in der Familie, ein Tabu oder Werte, die nicht mit der Familiengeschichte übereinstimmen, können den Erfolg, das Glück und eine erfüllende Partnerschaft verhindern und Ursache von Krankheiten und belastenden Gefühlen sein. Verluste und Schicksalsschläge wirken unbewusst über Generationen weiter.

Neue epigenetische Forschungen

Die Epigenetik ist ein relativ junger Teilbereich der Genetik, die den Einfluss der Umwelt auf die Gene untersucht. Sie beschäftigt sich mit den vererbten Einflussfaktoren auf die Aktivität von Genen und der damit verbundenen Zellentwicklung des Menschen. Dass erworbene Eigenschaften durch veränderte Umweltbedingungen an die Nachkommen vererbt werden, ist im Pflanzenreich und bei Insekten schon längere Zeit bekannt. Neu ist jedoch, dass dies auch bei Säugetieren und bei uns Menschen nachweisbar ist.

Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass das Verhalten und die Erlebnisse der Menschen nicht vererbbar seien und dass unsere Ähnlichkeiten mit den Eltern in unserem Verhalten das Ergebnis unserer Sozialisierung und der Prägung in unserer Kindheit sind.

Neue epigenetische Forschungen zeigen jedoch, dass die Traumata unserer Eltern und Großeltern Einfluss auf die Aktivität der Gene und der damit verbundenen Zellentwicklung haben. Diese Genveränderung sind kein Ergebnis von Mutationen. Sie werden jedoch an die nächste Generation vererbt. Dabei verändert sich nicht die DNA-Sequenz, sondern es verändert sich das Schaltprogramm des Erbgutes.

Wesentlich ist die Erkenntnis, dass Umwelteinflüsse zu Genänderungen führen können jenseits des genetischen Codes. Welche Gene aktiviert werden kann die Zelle, je nach ihren Bedingungen, durch die Anlagerung von Proteinen entscheiden. Methylgruppen können Gene stilllegen durch Gen-Methylierung. Dabei legt sich ein Methylprotein über ein Gen oder eine Gensequenz und verhindert, dass die Zelle die Informationen des Gens oder der Gensequenz lesen kann. Hydroxylgruppen können stillgelegte Gene wieder aktivieren. Auch Phosphatgruppen haben Einfluss auf das Ablesen der Genaktivierung.

Das klingt jetzt sehr wissenschaftlich, und es ist zugegebener Maßen auch manches schwierig zu verstehen. Ich habe lange versucht, die chemischen Prozesse in ihrer Tiefe zu erfassen, habe dann aber irgendwann bescheiden darauf verzichtet. Was aber wesentlich ist: Diese Erkenntnisse sind eine Revolution auf dem Weg zum Verständnis unserer Lebensgeschichte. Denn sie zeigen, dass die Umwelt einen Einfluss auf die Veränderung der Gene hat, die vererbt werden.

Das Erbe traumatischer Erfahrungen

Die Fachwelt steht an einer Wende in der Frage, ob Säugetiere epigenetisch gespeicherte Umweltanpassungen über die Keimbahn an mehrere folgende Generationen weitergeben, ob also eine echte transgenerationelle epigenetische Vererbung existiert. Nach der klassischen Sicht werden bei Saugern und damit auch beim Menschen alle epigenetischen Markierungen in den Keimzellen – also in Eizellen und Spermien – gelöscht. Die Zellen werden reprogrammiert.
Für Menschen fehlen zwar eindeutige Belege gegen diese Auffassung, aber zahlreiche Experimente mit verschiedenen Säuger-Arten zeigen, dass diese sehr wohl epigenetische Anpassungen vererben können.
Isabelle Mansuy, Professorin für Neuroepigenetik der Universität Zürich und ihr Team konnten nachweisen, wie Reaktionen auf Traumata im Mausmodell von einer Generation zur nächsten vererbt werden, auch wenn die nachfolgenden Generationen den traumatischen Stressreaktionen nicht selbst ausgesetzt waren. Sie konnten ebenso nachweisen, dass solche stressbedingten Verhaltensänderungen auch reversibel sind und dass die Verhaltenssymptome rückgängig gemacht und nicht mehr an den Nachwuchs vererbt werden, wenn sich die Bedingungen zum Guten ändern.
Nun ist eine Maus kein Mensch, doch auch Tiere können traumatisiert werden. Und da die Generationsfolge der Mäuse sehr kurz ist im Vergleich zu der des Menschen, sind hier eher umfangreiche Ergebnisse und Erkenntnisse möglich.

Die Vererbung von traumatischen Reaktionen beim Menschen

Bahnbrechende Erkenntnisse zur Vererbung von traumatischen Reaktionen beim Menschen konnte Rachel Yehuda, Professorin für Psychiatrie und Neurowissenschaft in New York bei Ihren umfangreichen Studien zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Menschen erzielen. Sie untersuchte Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen sowie Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft die Angriffe auf das World Trade Center in New York unmittelbar miterlebt hatten.
Die Erkenntnisse zu biochemischen Veränderungen, besonders des Cortisolspiegels, und der Vererbung dieser Veränderungen auf die nachfolgende Generation zeigen, dass physische und emotionale Auswirkungen von erlebten Traumata biochemisch im Körper der nachfolgenden Generation weitergegeben werden.

Wir sind bis in alle Zellen hinein geprägt

Unsere DNA besteht aus Genen und Gensequenzen. Wir sind eine Kombination aus Genom, Epigenom und persönlichen Erfahrungen. Letztere entscheiden die Veränderungen im Epigenom. Im Epigenom sitzt das Gedächtnis der Vergangenheit. Und unsere Umwelteinflüsse entscheiden, wer wir morgen sind.

Das, was wir erleben und erlebt haben, schlägt sich in unserem Erbgut nieder. Die Geschichte unserer Familie wird damit auch zu unserer eigenen Geschichte. Und auch unsere Erlebnisse prägen durch epigenetische Marker die Weitergabe epigenetischer Stressregulierungs-Muster an die nächste Generation.

Es gibt noch viele weiße Flächen bei der Frage, wie es genau geschieht, dass die epigenetischen Veränderungen an die Nachkommen weitergegeben werden. Was jedoch immer mehr nachweisbar ist: Unser Verhalten und unsere Erlebnisse haben Einfluss auf die nach uns kommende Generation. Ob es uns bewusst ist oder nicht: Die Erlebnisse unserer Eltern und Großeltern haben Einfluss auf unser Leben. Das betrifft ganz besonders die traumatischen Erfahrungen

Was kannst du tun?

Wir wissen ja oft nicht, dass die Symptome, die uns bedrängen, ihre Ursache in Traumata der Eltern und Großeltern und sogar der Urgroßeltern haben. So kommen die Teilnehmer mit den verschiedensten Anliegen zur Aufstellung. Doch hinter den Anliegen verbirgt sich oft ein Trauma.

Schau in deine eigene Geschichte. Gibt es etwas in deinem Leben, was dich behindert und einschränkt? Ist es möglich, dass Traumata noch immer auf dich wirken? Du kannst in die Geschichte deiner Eltern und Großeltern schauen. Was haben die Eltern und Großeltern erlebt?

Die gute Nachricht ist: Wenn sich zeigt, was hinter deinem Anliegen wirkt, kann diese Ursache geändert werden. Du kannst in ein Seminar kommen, hier findest du die Termine und kannst dich hier auch anmelden. Oder du kommst in die Einzelarbeit. Auch das ist möglich. Hier kannst du einen Termin vereinbaren.

Zu meiner eigenen Geschichte mit meinen Großeltern gibt es einen Blogartikel mit dem Titel „Das Leben meiner Großeltern. Wie es noch immer in mir wirkt.

Ich wünsche dir eine unbeschwerte Zeit, in der du vor allem du selbst sein kannst.

Herzlichst
Renate

 

 


Impressum:
Text: Dr. Renate Wirth
Foto: pixabay.com

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post@renate-wirth.de

Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
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