Autor: RENATE WIRTH

Überreagieren. Wenn das Fass überläuft

Überreagieren. Wenn das Fass überläuft

Belastende Gefühle lösen
Vor einiger Zeit ist mir die Sicherung durchgebrannt. Meine Tochter erzählte mir am Telefon, dass der Sportlehrer unserer neunjährigen Enkelin die Kinder bei 32 Grad im Schatten in der 7. Unterrichtstunde um 14 Uhr in der prallen Sonne hat Staffellauf machen lassen. Das Kind hatte noch zwei Stunden später einen roten Kopf.

Als ich das gehört habe, bin ich sofort aufgesprungen und wollte ins Auto einsteigen und zu diesem Sportlehrer fahren, um ihn anzuschreien oder zu verhauen. Das war meine erste Reaktion. Ich war so außer mir, dass mein Verstand nicht mehr funktioniert hat. Erst nach etwa einer Minute begriff ich, dass die Situation längst vorbei war, der Sportlehrer sicherlich inzwischen zuhause war und hier andere Schritte notwendig waren. Die Situation war nicht mehr zu retten, nur für die Zukunft. Was war passiert?

Wenn das Frontalhirn aussetzt

Mir war für kurze Zeit der Verstand vernebelt. Mein Stressregulierungsmechanismus war außer Kraft gesetzt. Ich hatte außer einem Kampfimpuls nichts mehr gespürt. Erst als ich mich wieder gefangen hatte, konnte ich spüren, wie traurig ich war, dass ein Erwachsener den Kindern so etwas vollkommen Unnötiges antut. Ich fühlte mich ohnmächtig, dass wir das Kind nicht hatten schützen können.

Kampfimpuls vom Reptiliengehirn

Wenn uns etwas außerordentlich bedrängt, kommt als erster Impuls ein Überlebensimpuls unseres Reptiliengehirns, unser Emotionalhirn und das denkende Frontalhirn pausierten in diesem Moment der Gefahr. Kampf, Flucht oder Starre sind die drei Möglichkeiten, einer Gefahr zu entgehen. Der erste Impuls war bei mir ein Kampfimpuls. Ich konnte erst kurze Zeit später wieder denken. Wie kam es, dass ich so stark reagiert habe? Nachdem ich eine Zeitlang gesessen und nachgedacht hatte kamen mir Erinnerungen und Tränen.

Ich erinnerte mich an die Zeit als Studentin im Lager der vormilitärischen Ausbildung. In voller Ausrüstung mussten wir im Schutzanzug mit Gasmaske rennen, und ich erinnerte das Gefühl, keine Luft zu bekommen und nicht mehr weiter zu können. Hatte die Überlastung meiner kleinen Enkelin diese Erlebnisse nach so langer Zeit getriggert? Und dazu kam noch das Gefühl, dass die ganze Quälerei so sinnlos war. Wir waren der Anordnung Stärkerer machtlos ausgeliefert.

Die Ursachen für eine Überreaktion

Wenn wir überreagieren, ist unser Stressregulierungsmechanismus in diesem Moment gestört. Der Stress ist zu hoch, wir können ihn nicht regulieren. Das liegt nicht an unserer Charakterstruktur, auch bei sehr ausgeglichenen Menschen kann es zu impulsiven Ausbrüchen kommen. Zu viele Anforderungen, Bedrängnis, das Gefühl der Ohnmacht, Erinnerungen, die vergangene traumatische Situationen berühren, lang anhaltender Groll, der Energien bindet, schwere Schicksalsschläge, systemische Verstrickungen und übernommene Gefühle können die Ursache für eine Überreaktion sein. Hilfe und Unterstützung ist auf verschiedenen Wegen und auf unterschiedliche Weise möglich.

Zu viele Anforderungen

Die wohl häufigste Ursache für ein Aufbrausen und „aus der Haut fahren“ ist einfach eine Überlastung. Zuviel auf einmal, zu wenig Zeit zum Ausruhen, zu wenig Möglichkeiten, zeitig genug Grenzen zu setzen. Noch mehr und noch mehr, da läuft das Fass einfach über. Die Wut und ein Ärgerausbruch sind verständlich. Sie sind zumeist auch zu beeinflussen.

Zeitig genug Grenzen zu setzen, unsere Belastbarkeit immer besser kennenzulernen und dementsprechende Pausen und Erholungszeiten in den Tagesablauf einzubauen, das können wir mit der Zeit lernen. Dann müssen wir nicht überreagieren, um unseren Schutzraum zu verteidigen. Natürlich können wir dieses Sicher-Grenzen-setzen je nach unserer Familiengeschichte und Prägung oft nicht von Beginn an. Aber wenn wir mal wieder „aus der Haut gefahren“ sind, dann wird es schrittweise möglich, auch neue Reaktionen einzuüben.

Trigger können das Fass zum Überlaufen bringen

Eine weitere Möglichkeit als Ursache für eine Überreaktion sind Trigger, das sind Ereignisse, Geräusche, Gerüche, Berührungen, Worte und Empfindungen, die an frühere traumatische Erlebnisse erinnern. Oft ist es nicht einfach, diese Reaktionen zuzuordnen, denn die traumatischen Ereignisse sind zumeist verdrängt und werden nicht bewusst erinnert, um das Überleben zu sichern. Hier hilft die Aufstellungsarbeit.

Langanhaltender Groll bindet Energien

Eine dritte Möglichkeit ist langanhaltender Groll auf Personen, von denen wir uns ungerecht behandelt, nicht gesehen oder abgewertet gefühlt haben. Dann ist das Fass schon vom Groll vollkommen gefüllt, und jede kleine Belastung kann das Fass zum Überlaufen bringen. Wir können Verletzungen nicht vergessen und reagieren bei Kleinigkeiten schon über. Partner, ehemalige Partner und die Eltern sind oft Auslöser. Doch auch im beruflichen Kontext kann es zu fehlender Wertschätzung und anhaltendem Groll kommen. Auch hier hilft die Aufstellungsarbeit.

Schicksalsschläge und außergewöhnliche Belastungen

Wenn wir eine geliebte Person verlieren durch deren Tod oder durch Trennung, wenn eine schwere Erkrankung oder ein Unfall unser Leben erschüttern, dann kann der Stresspegel so hoch sein, dass wir ihn nicht mehr selbst regulieren können. Dann genügt eine geringe Belastung, dass uns alles zu viel wird. Wir brauchen Unterstützung. Das ist für jeden verständlich.

Doch manchmal, und nicht selten, kommen wir auch im ganz normalen Alltag an unsere Grenzen. Wenn wir oft überreagieren und das Maß unserer Reaktionen selbst als nicht angemessen empfinden, ist es möglich, dass wir unbewusst etwas für andere Familienmitglieder tragen, das uns zu schwer geworden ist. Denn eine wesentliche Ursache für Überreaktionen sind übertragene Gefühle und systemische Verstrickungen. Wir sind in traumatische Ereignisse unserer Familie eingebunden, von denen wir zumeist nichts wissen, aber die dennoch auf uns wirken.

Wann die Aufstellungsarbeit hilft

Wenn hinter unserer Überreaktion verborgene Traumata, Verstrickungen in die Schicksale der Herkunftsfamilie, langanhaltender Groll alter Verletzung oder gar übernommene Gefühle als Ursache verborgen sind, dann reicht das Üben neuer Reaktionen nicht aus. Eine Familienaufstellung kann jedoch verborgene Dynamiken ans Licht bringen und heilsame Schritte bewirken. Damit es uns leichter fällt, im Umgang mit unseren Mitmenschen ein gutes Maß zu finden. Nicht zu explodieren, sondern konstruktive Lösungen zu finden. Um im Herzen frei zu sein für den eigenen guten Weg.

Im Herzen frei

Wie Familienaufstellungen helfen, Probleme und Blockaden zu lösen, beschreibt mein Buch „Im Herzen frei“. Das Buch zeigt Lösungsmöglichkeiten für anhaltende Probleme auf. Über die Webseite des Akkadeus-Verlages www.akkadeus-verlag.de und die Webseite www.im-herzen-frei.de kann man das Buch bestellen, es gibt auch eine Leseprobe.

Auch gibt es ein kurzes Video als Interview zum Buch:

Ich wünsche dir, dass du Verständnis findest, wenn dir mal alles zu viel wir. Verständnis von dir selbst. Aber auch von den Menschen, die deinen Lebensweg begleiten. Wenn all die vielen Anforderungen mal nicht so einfach zu lösen sind. Ich wünsche dir aber vor allem, dass die Zeiten bald wieder leichter werden und es möglichst auch bleiben.

Alles Liebe
Renate


Impressum:
Text und Foto: Dr. Renate Wirth

www.aufstellungstage.de
www.renate-wirth.de
post@renate-wirth.de

Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
Veröffentlichen des Textes und von dessen Auszügen nur mit Erlaubnis der Autorinnen.

Mit Herz und Seele. Erfüllt leben. Der Blog zum Sinn einer Familienaufstellung

Mit Herz und Seele. Erfüllt leben. Der Blog zum Sinn einer Familienaufstellung

Die Anliegen

„Ich wollte nie so werden wie meine Mutter, und nun bin ich doch so.“ Und „Ich versuche immer wieder, etwas anders zu machen, aber ich komme ständig in die gleiche Situation.“ Oder „Ich verstehe das nicht, wir wollen es beide nicht, aber immer wieder kommt es zu Streit.“

So oder ähnlich beschreiben es die Menschen, die zum Seminar oder in die Einzelarbeit kommen. Es ist das Gefühl, dass der eigene Willen Grenzen hat und Kräfte wirken, die sich unserem Denken und Wollen entziehen.

Trotz bestem Wissen und Bemühen

Auch mir ging es vor vielen Jahren so. Trotz bestem Wissen und Bemühen habe ich oft gemerkt, dass ich immer wieder im gleichen Dilemma gelandet bin. Ich war auf der Suche, ohne zu wissen wonach ich eigentlich suchte.

Das Herz war schwer in ganz unpassenden Momenten, wenn es mir eigentlich hätte gut gehen müssen. Und dieser dauernde Streit mit meinem Mann, den wir beide schon lange leid waren. Dabei hatten wir schon -zig Anläufe genommen, dies zu ändern.

Diese plötzliche, so oft nicht angemessene Wut immer wieder in seltsamen Momenten, die Verzweiflung und die darauffolgende Hoffnungslosigkeit waren für mich unbegreiflich, obwohl ich solch kluge Ratgeberbücher gelesen hatte. Manchmal war es schier zum Verzweifeln, wie im Hamsterrad.

Die eigene Lebensgeschichte und die Geschichte der Familie

Mir war klar: Viele unserer Schwierigkeiten sind in unserer Lebensgeschichte begründet. Mein Vater war lange in Krieg und Gefangenschaft, auch unmittelbar nach dem Krieg gab es Angst, Unsicherheit und Mangel in unserer Familie.

Doch es gibt wohl wenige Menschen, die eine ideale Kindheit hatten und ohne Verletzungen aus dieser Zeit durchs Leben gehen. Diese Verletzungen haben uns geprägt, sie sind unsere Erfahrungen, sie sind auf gewisse Weise wertvoll. Wir können sie verstehen.

Es sind aber nicht immer die Prägungen unserer eigenen Lebensgeschichte, die uns das Leben schwer machen. Leidvolle Erfahrungen und Traumata in unseren Familien können noch nach Generationen intensiv unser Leben bestimmen.

Ist beispielsweise der Vater früh verstorben, sind Geschwister nicht erwachsen geworden, ist jemand in der Familie vermisst oder alkoholkrank oder stark behindert oder hat Gewalt erlebt, gab es Flucht und Vertreibung, Gewalt oder, oder, oder… Das ist Schicksal. Das geht an der Familie nicht spurlos vorbei.

Oft ist es uns nicht bewusst, wir wissen nichts von den Ereignissen und schon gar nicht, was davon noch bis heute auf uns wirkt. Wenn wir Gefühle durchleben, die wir nicht verstehen, können Traumata aus unserer Familie unbewusst wie Fesseln auf uns wirken.

Mit Herz und Seele. Erfüllt leben. Der Blog zum Sinn einer Familienaufstellung

Es ist das Anliegen dieses Blogs zu zeigen, dass unsere Gefühle, wie sie sind, nicht falsch sind, auch wenn wir sie nicht verstehen. Auch wenn sie nicht angemessen sind zur jeweiligen Situation. Dass sie in einem anderen Kontext durchaus Sinn machen.

Und es ist das Anliegen dieses Blogs zu zeigen, welche Dynamiken hinter unserem menschlichen Miteinander wirken. Dass es Lösungen gibt für das, was uns oft als so unerklärlich erscheint.

Es ist auch das Anliegen dieses Blogs zu zeigen, wie hinter all dem Leid eine unbewusste Liebe wirkt, die schon lange darauf wartet, heilen zu dürfen.

Und es ist das Anliegen des Blogs, Zuversicht zu vermitteln und Wege aufzuzeigen, damit es uns möglich wird, mit Herz und Seele ein erfülltes Leben zu leben.

In der Familie, in der Partnerschaft, im Beruf. Ein gesundes, mit Sinn erfülltes, gutes und liebevolles Leben. Trotz schwerer und besonderer Schicksale in der Familie. Damit das Leid ein Ende hat.

Das wünsche ich uns allen. Möge das Leben gut zu uns sein.

Renate

Impressum:
Text und Foto: Dr. Renate Wirth

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renate.wirth@aufstellungstage.de

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Familienaufstellungen

Familienaufstellungen und andere Aufstellungen. Wie geht es ganz konkret?

Familienaufstellungen und andere Aufstellungen. Wie geht es ganz konkret?

Wenn das Problem nicht in uns selbst, sondern im System liegt

Wenn das Problem nicht in uns selbst, sondern in der Familiengeschichte begründet ist, kann dies zu familiären, beruflichen oder gesundheitlichen Problemen führen bis hin zum Wunsch, selbst nicht mehr leben zu wollen. Und das auch, wenn wir diese Menschen nicht kennen und wenn sie vielleicht schon längere Zeit nicht mehr am Leben sind.

Schwere Schicksale, wie der Verlust der Heimat, eines Partners, Kindes oder Geschwisters durch Krankheit, Unfall, Suizid, Mord oder Krieg, Adoptionen, Abtreibungen, Früh- und Fehlgeburten, schwere Behinderungen, Trennungen, schwere Schuld, Missbrauch und Gewalt können sich auf die anderen Familienmitglieder auswirken.

Diese Auswirkungen entstehen aus unbewusster Bindung und Liebe. Es sind Seelenbewegungen. Wir können diese Seelenbewegungen nicht sehen, wir können sie nur an ihren Wirkungen erkennen. Diese Seelenbewegungen zu erkennen und ihnen zu ermöglichen, dass sie sich zu einem guten heilsamen Ende vollziehen können, ist das Geschenk der Aufstellungsarbeit.

Was ist eine Systemaufstellung?

Das „Systeme Stellen“ oder die Systemaufstellung ist ein Begriff, der verschiedene Aufstellungswege und Aufstellungsansätze zusammenfasst. Es geht um das Aufstellen und Sichtbarmachen von Beziehungen, die in Systemen wirken.

Dabei kann ein System eine Familie sein (Familienaufstellung) oder eine Organisation (Organisationsaufstellung), ein Mensch (Aufstellung innerer Persönlichkeitsanteile), eine Erkrankung (Symptomaufstellungen, Medikamentenaufstellung) oder eine Frage (Tetralemma-Aufstellungen). Es gibt Themenaufstellungen zu Geld, Orten und Glaubensfragen sowie Naturaufstellungen und vieles mehr.

Wir denken zumeist, es liegt an uns

Wenn uns belastende Gefühle bedrücken denken wir zumeist, die Schwierigkeiten liegen an uns. Wenn wir uns nur mehr anstrengen, wenn wir dies oder das anders machen würden, dann werden die Probleme schon zu ändern sein.

Doch so ist es oft nicht. Das, was hinter unserem Problem wirkt, ist oft unbewusst und entzieht sich unserer bewussten Kontrolle. Denn Probleme können systemisch bedingt sein. Systemisch bedingt heißt, es kann etwas aus dem System unbewusst auf dich wirken, was sich der eigenen Kontrolle entzieht. Meist ist es das Familiensystem.

So kann es z.B. sein, dass familiäre Bindungen verhindern, zielgerichtet und erfolgreich den eigenen Weg zu gehen. Ein Tabu in der Familie, ein fehlender Segen oder Werte, die nicht mit der Familiengeschichte übereinstimmen, können den Erfolg, das Glück und eine erfüllende Partnerschaft verhindern und Ursache von Krankheiten sein.

Schwere Schicksale in der Familie

Schwere Schicksale in der Familie, wie der Verlust der Heimat, eines Partners, eines Kindes oder von Geschwistern durch Krankheit, Unfall, Suizid, Mord oder Krieg, Adoptionen, Abtreibungen, Früh- und Fehlgeburten, schwere Behinderungen, Trennungen, schwere Schuld, Missbrauch und Gewalt können sich auf die anderen Familienmitglieder auswirken.

Sie können zu familiären, beruflichen oder gesundheitlichen Problemen führen bis hin zum Wunsch, selbst nicht mehr leben zu wollen. Und das auch, wenn wir diese Menschen nicht kennen und wenn sie vielleicht schon längere Zeit nicht mehr am Leben sind.

Wie lässt sich erklären, dass die Ereignisse vorangegangener Generationen und die Erlebnisse unserer Familienmitglieder auch noch nach langer Zeit auf uns wirken, auch dann, wenn wir nichts von diesen Ereignissen wissen?

Was ist eine Familienaufstellung?

Beim Familienstellen werden Mitglieder der Familie aufgestellt. Es ist oft nicht die ganze Familie, sondern es werden die Familienmitglieder ausgewählt und aufgestellt, die eine Lösung des Problems im Einklang mit den anderen Mitgliedern der Familie ermöglichen. Man kann seine Herkunftsfamilie und/oder seine Gegenwartsfamilie aufstellen.

Worauf basiert die Aufstellungsarbeit?

Wie der Name Aufstellung schon sagt, man stellt jemanden hin. Die Methode basiert auf der uns Menschen eingeborenen Fähigkeit, unsere Gefühle räumlich wahrzunehmen. Das heißt, wenn man jemanden mag, dann geht man nah zu ihm hin, umarmt ihn vielleicht sogar. Im Volksmund sagen wir: „Der/die steht mir nahe.“ Wenn man aber jemanden nicht mag, sagen wir, der soll weggehen, bleiben wo der Pfeffer wächst oder wir gehen selbst weg.

Und wenn wir vor jemandem Angst haben, dann weichen wir zurück. Das macht nicht unser Kopf, der da sagt: „Geh mal 5 Schritte zurück“, das macht unser Körper, es geschieht einfach. Und wenn wir mit jemandem nichts zu tun haben wollen, dann schauen wir weg, oder wir verkreuzen die Arme vor der Brust und drehen uns weg.

All diese Bewegungen sind uns nicht bewusst. Sie geschehen einfach spontan. Und das nutzt die Aufstellungsarbeit, um tiefe innere Bewegungen ans Licht zu bringen. Die uns oft nicht bewusst sind, die aber dennoch wirken.

Das ist die große Chance der Aufstellungsarbeit. Es kommt etwas ans Licht, was tief in unserem Inneren verborgen ist und was uns oft nicht bewusst ist. Und erst wenn es sichtbar ist wird es möglich, heilsame Schritte zu gehen. Die bisher unserem Verstand verschlossen waren.

Was geschieht ganz konkret?

Alle Teilnehmer sitzen auf Stühlen im Kreis. Der Stuhl neben mir ist für diejenige oder denjenigen frei, der als nächstes aufstellen wird. Im Raum ist Stille. Dann bitte ich eine Person neben mich. Ich frage sie nach ihrem Anliegen und nach besonderen Ereignissen in der Familie.

Dann bitte ich sie, sich für bestimmte Familienmitglieder Stellvertreter aus der Gruppe auszuwählen und diese im Raum aufzustellen. Die Teilnehmerin bzw. der Teilnehmer sucht sich dann z.B. eine Person für den Vater, eine für die Mutter, Personen stellvertretend für die Geschwister und eine Person für sich selbst und stellt diese im Raum auf.

Der Klient bleibt gesammelt. Er fasst die Personen an den Schultern und führt sie an einen Platz im Raum. Dabei geht er ganz nach seinem Gefühl, möglichst ohne viel zu denken. Er stellt sie einfach hin. Das ist schon alles.

Die Stellvertreter nehmen wahr, was sie fühlen. Ein Bild der Beziehungen entsteht. Es ist zumeist deutlich zu sehen und zu fühlen und berührt tief. Es gilt, zu sehen und anzuerkennen, was ist. Auch wenn es schmerzhaft ist. Erst durch dieses Sichtbarwerden ist über mehrere Zwischenschritte eine Lösung möglich.

Während in der Anamnese natürlich gesprochen wird, wenn es um das Anliegen und die Familiengeschichte geht, arbeite ich in den Aufstellungen vorwiegend im Schweigen, damit sich tiefe Seelenbewegungen vollziehen können. Denn die Seele hat keine Worte, sie hat innere Bilder.

Muss ich ein konkretes Anliegen haben?

Eine Aufstellung ohne ein Anliegen geht nicht! Es kann jedoch sein, dass du das Anliegen nicht genau erfassen und formulieren kannst, dass es sich im Laufe des Seminares ändert oder dass mehrere Anliegen sich überlagern. Das ist nicht selten so, es ist kein Problem und liegt in der Sache selbst begründet.

Verstrickungen oder Identifizierungen mit Familienmitgliedern ermöglichen manchmal keine eigene Klarheit. Der vorbereitende Fragebogen und das Anamnesegespräch unterstützen dich, dein Anliegen dann zur Aufstellung zu benennen.

Was können Anliegen sein?

Adoption, Abtreibungen, Angst, Beruf, Belastungen, Depressive Stimmungen, Eltern, Entscheidungen, Erfolg, Fehlgeburt, Geschwister, Kinder, Kinderwunsch, Krankheit, Krebs, Liebe, Missbrauch, Orientierung, Paarprobleme, Patchworkfamilien, Platz finden, Scheidung, Schuldgefühle, Sehnsucht, Sucht, Suizid, Todessehnsucht, Trauer, Trennung, Unfall, Verluste können Anliegen sein.

Es gibt so verschiedene Anliegen wie es Menschen gibt. Einengende Gefühle können sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext zu Kraftverlust oder gar zu Krankheit führen und uns an eine Grenze bringen, die wir bisher nicht überschreiten konnten.

Kann jedes Anliegen aufgestellt werden?

Die Anliegen der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer sind sehr verschieden. Grundsätzlich kann jedes Anliegen, das nicht selbst gelöst werden kann, aufgestellt werden.

Wenn du dir nicht sicher bist, ob dein Anliegen für eine Familienaufstellung passend ist, dann hole dir hier gratis das eBook „7 Beweggründe für eine Familienaufstellung“.

Ich habe mehr als 5000 Aufstellungen miterlebt, doch keine Aufstellung war wie die andere. Jede Familie, jedes Schicksal und jede Lösung sind einmalig.

Was heißt Familienaufstellung in der Stille?

Im Laufe der Jahre hat das Familienstellen in seiner Methodik eine deutliche Wandlung erfahren. Das Familienstellen in seiner ursprünglichen Form arbeitet überwiegend mit Sätzen, die eine heilende und lösende Wirkung zeigen. In den Aufstellungen zeigte sich später immer klarer, dass sich im Familiensystem Seelenbewegungen vollziehen, die an den Bewegungen der Teilnehmer sichtbar werden.

Ich arbeite überwiegend mit Aufstellungen in der Stille. Wenn sowohl der Aufstellende, als auch der Klient und die Gruppe gesammelt sind, entsteht so ein Seelenbild der Familie und ihrer Bewegungen. Es wird ein für die Seele wirksames neues heilendes „Lösungsbild“ anstelle des alten Bildes gesetzt, das eine Lösung auf einer tiefen Ebene möglich werden lässt.

Besonders danke ich hier auch meinem Lehrer Harald Homberger, der mir tiefe heilsame Erfahrungen ermöglicht hat und mich gelehrt hat, die Tiefe von Aufstellungen im Schweigen zu erfahren und weitergeben zu können.

Wenn du noch Fragen hast, dann schreibe mir eine Mail oder vereinbare einen Telefontermin. Auf der Kontaktseite findest du die Möglichkeit dazu.

Ich wünsche dir alles Gute.
Renate

 

 


Impressum:
Text und Foto: Dr. Renate Wirth

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renate.wirth@aufstellungstage.de

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Alles in Ordnung. Eigentlich. Wie ich zur Aufstellungsarbeit kam

Alles in Ordnung. Eigentlich. Wie ich zur Aufstellungsarbeit kam

Ein ganz normales Leben

Im Sommer 1997 war von alledem, was da kommen würde, noch nichts zu merken. Ich war vollkommen gesund, war mitten im Leben, hatte eine wunderbare Familie und einen spannenden Beruf. Ich hatte eine Outdoorfirma für Kurse in der Natur und gerade einen Überlebenskurs hinter mir mit einer wunderbaren Gruppe: Leben im Wald, Feuer machen, eine Unterkunft bauen ohne Zelt, Wildpflanzen sammeln, Essen in der Kochgrube garen, Brot im selbstgebauten Ofen backen, Wildspuren lesen.

Eben alles, was du so brauchst, wenn du nach Kanada reist und dort deinen Rucksack verlierst. Wie auch immer, vielleicht weil dein Kanu kentert und der Rucksack von dannen schwimmt. Wir wollten Überleben lernen. Doch dass es bald wirklich um mein Überleben gehen würde ahnte ich damals nicht.

Und auch im Winter zu 1998 war noch nicht zu ahnen, was das neue Jahr bringen würde. Ich hatte drei Hundeschlitten-Kurse im Isergebirge mit einem Freund, dem die 33 Huskys gehörten. Ein Schlittengespann zu führen, Iglu bauen (die Fensterscheiben waren Eisflächen aus dem nahegelegenen Bach), im Schnee bei 20 Grad minus ohne Zelt übernachten, Feuer machen im Schnee, ich war gut drauf, konnte rennen, war gesund und hatte Kraft, die temperamentvollen Hunde sicher zu halten. Auch die Hunde waren gesund und voller Lust am Laufen. Am Abend waren wir geschafft, aber glücklich.

Nichts ahnend

Nach 7 Wochen im Schnee auf der Rückfahrt allein im Auto musste ich nach einigen Stunden an den Straßenrand fahren und erst einmal schlafen. Ich war plötzlich todmüde. Es war doch alles in Ordnung, eigentlich. Sicher war es das Abspannen nach dieser intensiven Zeit, die viele frische Luft, fahren mit Schneeketten und die lange Fahrt. Ich kam gut zu Hause an. Nichts ahnend, was mich in der kommenden Zeit erwarten würde.

Das Frühjahr war auch ohne Überlebenskurs abenteuerlich, ich plante neue Seminare.
Im Mai ging ich wie jedes Jahr zur Mammografie, routinemäßig, so nebenbei. Ich erwartete wie jedes Jahr ein „Alles in Ordnung“. Nichtsahnend verkündete mir der Arzt beim Auswerten der Bilder, es wäre der Verdacht auf einen Tumor, es sei wichtig, mich umgehend im Krankenhaus vorzustellen für eine OP.

Ich erklärte dem Arzt, dass wir eine große Kanutour nach Schweden als Seminar geplant haben in 8 Wochen und alles schon organisiert sei, ich würde danach zu dieser OP gehen. Der Arzt sah mich an und sagte: „Dann brauchen sie vielleicht nicht mehr zu gehen. Gehen sie sofort.“

Eine andere Welt

Ich war wie schlaftrunken in der kommenden Zeit und konnte nicht glauben, was gerade geschah. Zwei Operationen, 4 Monate Chemotherapie, 30 Bestrahlungen. Dann hatte ich die Nase voll und bat um Urlaub. Geplant waren nochmals 4 Monate Chemotherapie. Mir wurden 4 Wochen Urlaub gewährt. Es war inzwischen Dezember geworden.

Freunde nahmen mich mit nach Norwegen zum Schlittenhundetraining. Fünf LKW, 5 Musher, 70 Schlittenhunde und ich. Endlich wieder Freiheit, Natur und Schnee. Weit weg vom Klinikgeschehen. Ich kochte Essen für alle. Und bat nach einiger Zeit um eine Woche für mich allein sein zu können in den Bergen. Die Männer stimmten zu.

Mein Rucksack und ich kamen auf den Tandemschlitten und wir fuhren lange bergan. Ganz oben, weit weg von der Zivilisation, wo es nur noch Krüppelkiefern gab, 50 cm Schnee und 20 Grad minus, stand eine Hütte. Hier oben pfiff ein eisiger Wind. Mein Schlitten wurde abgekoppelt, die Männer fuhren weiter mit ihren Hunden.

Da stand ich nun mit meinem Schlüssel in der Hand in dieser weißen Stille. Und versuchte, die Tür der Hütte zu öffnen. Sie war eingefroren. Nach zwei Stunden Mühen, Tränen und Gottes Gnade ging die Tür auf. Unendlich erleichtert hatte ich endlich ein Dach über dem Kopf. Die Tage sind kurz in Norwegen im Dezember, es wird zeitig dunkel und es war eiskalt.

Es gab kein Wasser und kein Licht. Es war nicht möglich durchs Fenster zu schauen, sie waren dick mit Eisblumen zugefroren. Hinter der Hütte war ein Holzverschlag und in der Hütte ein Eisenkasten mit einem Ofenrohr. Ich musste mir einen Weg zum Holzverschlag durch den Schnee schaufeln. Bald brannte das Feuer im Ofen und eine Stunde später war es gemütlich warm in der Hütte in der Nähe des Ofens. Wasser war geschmolzener Schnee und eine Kerze gab Licht.

Ich war angekommen. Diesmal ganz bei mir selbst. Die kurzen Ausflüge nach draußen lehrten mich zu leben. In diesem eisigen Wind war jeder Moment eine Entscheidung: Du brauchst nur fünf Minuten nichts zu tun, dann bist du erfroren. Jeder Moment war eine Entscheidung für oder gegen das Leben. Da wusste ich: Ich hatte mich für das Leben entschieden. Bei jedem Schritt. Bei jeder Bewegung.

Später habe ich die schützende Hütte nur noch zum Holz holen und für das Nötigste verlassen, Ausflüge waren unnützer Luxus. Mit Kerzen war sparsam umzugehen, wie auch mit dem wenigen Brot. Lesen war nur kurze Zeit möglich, dann war es zu dunkel. Also war ich einfach da. Nur da. Und begriff zum ersten mal, was für eine Gnade es ist, einfach nur da zu sein. Am Leben.

Zurück in Deutschland

Zurück in Deutschland war zum Jahresbeginn meine Schonzeit vorbei und es ging weiter mit der Chemotherapie, diesmal höher dosiert. Meine geliebte Mutter verstarb Mitte Januar im hohen Alter. Sie ging friedlich in die andere Welt. Ein schwerer Abschied für mich. Ohne Haare war ich zur Beerdigung und dachte mir: Ja, es war abzusehen. Und dennoch war es viel zu früh. Von ihren Sachen konnte ich mich noch lange nicht trennen.

Von der Chemotherapie wurde ich immer kränker. Anfang April ging nichts mehr. Ich konnte nur noch gestützt laufen und musste die letzte Behandlung lassen, es ging einfach nicht mehr. Mein Mann begleitete mich in die Habichtswaldklinik zur Anschlussheilbehandlung. Wir schafften es gerade so vom Auto bis ins Zimmer. Hinlegen. Nur Hinlegen.

Wieder eine andere Welt

Nun war ich nochmals in einer neuen Welt angekommen. Ununterbrochen liefen mir die Tränen. Nach so langer Zeit fühlte ich mich trotz meines geschwächten Zustandes sicher und geborgen. Alles war hell und freundlich. Nicht wie Krankenhaus. Liebevoll und irgendwie ganz anders. Hier kam mir das erste Mal das Wort Heilung in den Sinn. Wie Heilung geschieht, das wusste ich nicht. Doch alles berührte mein Innerstes.

Da wurden Mantren gesungen, ich konnte keine Zeile mitsingen, nur weinen. Doch das waren Tränen der Erleichterung. Natürliche Medikamente, ayurvedisches Essen, Entgiftung, unterstützende Therapien, viel Zeit, Fürsorge, Zuwendung, Verständnis und Schönheit überall. Und dann geschah etwas Außergewöhnliches, das meinen späteren Weg bestimmen würde. Noch war ich völlig ahnungslos, was da auf mich zukam.

Vollkommen ahnungslos

In der ersten Psychotherapiestunde saß mir als Psychoonkologe Harald Homberger gegenüber. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine Psychotherapiestunde gehabt und hatte keine Ahnung, was da kommen würde. In dieser ersten Stunde habe ich durch Harald, der später mein Lehrer und Freund wurde, die Aufstellungsarbeit kennengelernt. Die Aufstellung und die Welt der Seele. Ohne zu wissen, was Aufstellungen sind und wofür sie gut sein sollen habe ich eine erste Aufstellung erlebt.

In dieser ersten Aufstellung, von der ich nicht einmal wusste, dass es eine Aufstellung war und noch nicht einmal, dass es Familienaufstellungen überhaupt gibt, geschweige denn, wie sie wirken, habe ich am eigenen Leib ganz Unglaubliches erfahren.

Später erfuhr ich, dass es eine Familienaufstellung war

In der Anamnese fragte der Therapeut nach Ereignissen der Familie, wer dazugehört und nach besonderen Schicksalen. Besondere Schicksale gab es in meiner Familie, meine Eltern hatten Geschwister zeitig verloren, mein Vater war zeitig verstorben und ich hatte meinen ersten Mann durch Suizid verloren, als ich gerade 28 Jahre alt war. Wir hatten damals einen einjährigen gemeinsamen Sohn.

Nach einem kurzen Anamnesegespräch empfahl der Therapeut eine Aufstellung. Er erklärte kurz das Setting, ich sei ich selbst und der Therapeut vertrete meinen verstorbenen ersten Mann. Ich solle ohne zu sprechen meinen inneren Bewegungsimpulsen folgen und er würde dann sagen, wann die Aufstellung zu Ende sei.

Der Therapeut in der Rolle meines ersten Mannes legte sich sofort auf die Erde. Und ich? Was tat ich vollkommen unaufgefordert? Ich legte mich dazu. Lag da und war ganz im Frieden. War endlich angekommen. Nichts war mehr wichtig, alles war so gut wie es war. Ich war nicht glücklich oder unglücklich. Ich war in einem grenzenlosen Frieden.

Nachdem der Therapeut die Aufstellung beendet hatte stand ich sehr verwirrt auf. „Wissen sie, was das bedeutet?“, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. „Ihre Seele will sterben. Ihre Seele will ihrem ersten Mann folgen.“

Will denn meine Seele etwas anderes als ich?

Ich war gänzlich fassungslos. Natürlich wollte ich nicht sterben, so ein Quatsch, wer das sagt ist einfach seltsam gestrickt. Ich war mitten im Leben, voller Ideen und Kraft. Ich hatte 4 wunderbare Kinder, eine guten und klugen Mann, ein schönes Haus mit Garten am See, eine spannende Arbeit. Und wieso kann meine Seele etwas anderes wollen als ich? Wer ist dieses Ich und wer ist meine Seele?

Eigentlich ist doch außer dieser nun Gottseidank überstandenen Erkrankung doch alles in Ordnung. Gab es da etwa noch etwas? Ja, es gab noch etwas: Diese Sehnsucht nach „ich weiß nicht wonach“. Ja, die gab es immer. Und diese immer wiederkehrende latente unangemessene Wut. Und hin und wieder diese Resignation. Aber das heißt doch noch lange nicht, sterben zu wollen! Und der Tod meines ersten Mannes war ja nun auch schon mehr als 20 Jahre her! Vorbei ist vorbei.

Ich war vollkommen aus meiner Mitte geraten. Die Erkrankung aus heiterem Himmel, was ist das mit der Seele, mit den hinter allem wirkenden Dynamiken, dem Unsichtbaren, was da wirkt? Was gibt es da noch, was mein Verstand nicht begreifen kann?

Die Seele hat ihre eigenen Gesetze

„Die Seele hat ihre eigenen Gesetze.“ hat mein Therapeut und späterer Lehrer und Freund Harald Homberger damals in der Klinik zu mir gesagt. Ich verstand nichts. Wirklich rein gar nichts. Was da eine Seele sein soll und dass es da sogar Gesetze gibt, das war für mich einfach alles ein großes Fragezeichen. Und zu viel Unbegreifliches auf einmal.

Viel später erst, als ich in den Aufstellungen gesehen habe, dass die Bewegungen der Menschen, die sich in der Stille vollziehen, ganz andere sind als das, was sie noch zwei Minuten vorher gesagt haben, da habe ich vieles verstanden. Und ich konnte sehen, dass sich diese Bewegungen, die vorher undenkbar waren oft erst durch die Aufstellung gezeigt haben.

Immer und immer wieder konnte ich sehen, dass diese Seelenbewegungen oft überhaupt nicht identisch mit unseren emotionalen Bewegungen sind. Wir können z.B. Wut haben auf den Vater, der gewalttätig war, ihn ablehnen oder ihn meiden. Aber unsere Seele macht diese Bewegungen nicht mit. Sie kann gerade entgegen gesetzte Bewegungen haben, die wir überhaupt nicht verstehen. Sie liebt einfach. Auch gerade diesen Vater.

Ich wollte verstehen, was da verborgen auf uns wirkt

So begab ich mich auf die Reise in die Welt der Seele und der Familienaufstellungen und begann immer mehr herauszufinden, was unbewusst hinter unserem Miteinander auf uns Menschen wirkt. Wie es bewusst werden kann und wie Heilung möglich wird. Zuerst habe ich alle Bücher gelesen, derer ich habhaft werden konnte. Und habe viele Fragen gestellt. Dann hatte ich mehrere Aufstellungen zu verschiedenen Lebensthemen. Zwei Jahre später begann ich dann eine zweijährige Weiterbildung bei Harald Homberger zur Systemischen Aufstellungsarbeit.

Selbst zum Beginn der Weiterbildung wusste ich noch nicht, dass es kurz danach der Beruf werden würde, den ich nun schon mehr als 10 Jahre mit ganzem Herzen ausübe. Er hat mich seither nicht einen Tag mehr losgelassen. Noch immer faszinieren mich die Dynamiken, Erkenntnisse, die innewohnende Weite und die Heilungswege der Aufstellungsarbeit.

2004 gründete ich die „Praxis für Systemaufstellungen“, um den Menschen mit Hilfe der Aufstellungen Heilungsschritte zu ermöglichen, die der Verstand allein nicht gehen kann. Ich bin gesund und danke von ganzem Herzen allen, die dazu beigetragen haben. Was mir geschenkt wurde, gebe ich gern und dankbar weiter.

Dein erster Kontakt mit der Aufstellungsarbeit

Da ich bei meinen ersten eigenen Aufstellungen viel Unverständnis und oft auch Angst hatte, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, zum ersten Mal eine Familienaufstellung zu erleben. Man weiß ja wirklich nicht, was sich da zeigen wird, es hat ja bisher im Verborgenen gewirkt.

Ja da hast du Recht, wir wissen es beide nicht, was genau geschehen wird. Doch was ich genau weiß, ist, dass deine Seele Heilungsschritte gehen möchte, sonst würdest du nicht zur Aufstellung kommen. Und was ich dir zusichern kann ist meine achtsame und fürsorgliche Arbeitsweise.

Eine Familienaufstellung ersetzt keinen Arzt, sie übersteigt auch die Psychotherapie. Doch wenn du Probleme in deiner Familie, in deiner Paarbeziehung, im Beruf oder gesundheitliche Probleme hast, die du bisher nicht auf andere Weise lösen konntest und psychisch gesund bist dann kannst du schauen, was da vielleicht im Verborgenen auf dich wirkt und welche Lösungsschritte du gehen kannst. Hier findest du die Termine für die Aufstellungsseminare und wie du dich anmelden kannst.

Und falls du die Aufstellungsarbeit erst einmal kennenlernen möchtest, ohne gleich selbst ein eigenes Anliegen aufzustellen, dann kannst du auch erst einmal als Stellvertreter*in am Seminar teilnehmen, um mich und meine Arbeitsweise kennenzulernen. Denn es braucht ein gewisses Vertrauen, damit du dich mir und der Aufstellungsarbeit anvertrauen kannst.

Wenn du nicht sicher bist, ob für dich eine Familienaufstellung der nächste gute Schritt ist, dann klicke hier, ich sende dir dann sofort kostenlos das E-Book „5 Schritte zu mehr innerer Freiheit“ zu.

Alles Gute für dich und herzliche Grüße
Renate

 


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Text und Foto: Dr. Renate Wirth

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Veröffentlichen des Textes und von dessen Auszügen nur mit Erlaubnis der Autorin.

Selbstbestimmt leben. Dein Weg zu Dir selbst

Selbstbestimmt leben. Dein Weg zu Dir selbst

Selbstbestimmt leben. Dein Weg zu Dir selbst

„Nichts soll dich verwirren und erschrecken. Geh deinen Weg unbeirrbar.“ Dieser Ausspruch von Theresa von Avila aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, trifft er auch heute noch für uns zu? Unbeirrbar? In der Zeit der großen Möglichkeiten, der vielen Wege, der ständigen Entscheidungen. Wie kann ich da unbeirrbar sein? Und du? Bist du es?

Woran merke ich, dass ich selbstbestimmt lebe? Wenn ich machen kann was ich will? Wenn ich mir meine Wünsche erfüllen kann? Und was ist dieses SELBST? Können wir es beeinflussen? Ist es uns in die Wiege gelegt? Haben wir Kontakt zu unserem SELBST? Ist es etwas anderes als mein Ich? Oder als meine Seele? Wie können die anderen Menschen und Lebensumstände mein SELBST beeinflussen? Ist es veränderbar? Bin ich dieses SELBST? Oder bin ich gar mehr als dieses SELBST?
Wenn ich selbstbestimmt bin, dann bin ich im Einklang mit meinen Fähigkeiten, mit meinem Tun, mit meinen Entscheidungen. Im Einklang mit mir selbst, mit den anderen Menschen, mit den Situationen. Auch wenn die Menschen und Ereignisse um mich herum nicht einfach sind. Wenn ich selbstbestimmt Lösungen suche und finde, fühle ich mich im Einklang.
Wie aber komme ich da hin? In den nächsten 4 Schritten wird die Richtung sichtbar. Es geht nicht von heute auf morgen. Aber an jedem Tag gehst du ein Stück weiter auf dem Weg zu dir selbst.

1. Den eigenen inneren Garten kennenlernen

Es ist wohl eine Lebensaufgabe, sich selbst immer und immer besser kennenzulernen. Das können wir nur immer weiter verfeinern. Was sind deine Gaben, deine Talente, deine Fähigkeiten, deine Reaktionsmuster. Wie denkst und fühlst du in welchen Situationen, wie reagierst du auf Gefahr? Wie auf Zuwendung, wie auf Kritik, wie auf Lob? Was sind deine Schwächen, wo brauchst du Unterstützung? Was macht dich traurig, was „Bringt dich auf die Palme“, was beruhigt dich? Wie sind deine Selbstregulierungsmechanismen? Hast du Ängste, machst du dir Sorgen, hast du eher ein heiteres Gemüt?

Und so könnte die Liste immer weiter gehen. Du kannst dir ein A5 – Buch nehmen und dann beginne aufzuschreiben, was dir dazu einfällt. Versuche, möglichst nicht zu werten. Wenn du es doch tust, sei nachsichtig mit dir. Niemand ist perfekt, auch ich nicht und auch du nicht.

Und dann schau nach deinen Wünschen. Was wünschst du dir? Schau unzensiert nach den kleinen und großen Wünschen und nach deinen Bedürfnissen. Deine Bedürfnisse zeigen dir den Weg. Den Weg zu dir selbst.

2. Liebevolle Selbstfürsorge

Mir ist vollkommen bewusst, dass uns die Selbstfürsorge nicht in die Wiege gelegt wurde. Doch wir können sie lernen. Es ist kein einfacher Weg, die eigenen Gefühle anzuschauen, kennenzulernen, sie anzunehmen, auszuhalten, uns um sie zu kümmern wie um kleine Kinder, ihnen unsere Fürsorge zu geben und die Sicherheit, da sein zu dürfen. Und ihnen und ihrer Botschaft zuzuhören. Und dann und ganz vor allem: Die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Ganz und gar. Dann sind wir erwachsen.

Du kannst dich jeden Abend fragen: Was habe ich mir heute Gutes getan? Welche meiner Bedürfnisse konnte ich erfüllen? Habe ich ausreichend Schlaf? Esse ich das, was mir gut tut? Umgebe ich mich mit wohlwollenden Menschen? Arbeite ich in dem Beruf, der mir am Herzen liegt? Sehe ich einen Sinn in dem, was ich tue? Jeden Tag ein wenig, bis es zur Selbstverständlichkeit wird, dass du dir selbst Gutes tust.

3. Freundlich und sicher Grenzen setzen

Wenn du selbstbestimmt leben möchtest brauchst du unbedingt die Fähigkeit zu erkennen, wie du in Beziehungen reagierst. Kannst du deine eigenen Interessen schützen? Kannst du deine Bedürfnisse achten und wertschätzen?
Setze deine Bedürfnisse an erste Stelle. Du bist nicht weniger wichtig als alle anderen. Und wenn du dich nicht um deine Bedürfnisse kümmerst, wer sollte es dann tun?

Es gibt keinen sicheren Weg zum Erfolg.
Nur einen sicheren Weg zum Misserfolg, nämlich den, es jedem recht machen zu wollen.

Begegnung geschieht immer an der Grenze. An der Grenze zwischen dir und mir. Um uns in der Begegnung sicher und entspannt zu fühlen brauchen wir sichere Eigengrenzen. Und wir brauchen die Fähigkeit, die Tore zum Anderen selbst öffnen und schließen zu können. Nicht wie der Andere das möchte, sondern wie wir das wünschen.

Im Blogartikel „Selbstbestimmt leben. Wie du elegant Grenzen setzen kannst ohne den anderen zu verletzen“ kannst du lesen, was du tun kannst und wie es konkret geht, Ja zu sagen wenn du Ja meinst und Nein zu sagen wenn du Nein meinst.

Nun kann man natürlich die Techniken nur üben. So wie wir vom Lesen keine Muskeln bekommen, sondern nur vom Trainieren. Doch wenn wir uns für das Thema öffnen, kommen die anderen Dinge zu uns. Wir gehen in Resonanz mit dem Thema und eins fügt sich zum anderen. Und eines Tages wirst du erstaunt feststellen, dass es dir nun leicht fällt, deine eigenen Interessen anzusprechen, ohne den anderen zu verlieren oder zu verletzen.

4. Selbstbestimmt sich in einer Beziehung öffnen können

Wenn wir uns abgrenzen aus Angst vor Verletzungen und unser Herz nicht öffnen können, ist auch das nicht selbstbestimmt. Denn auch hier ist das Leid groß. Einsamkeit, das Gefühl, dass Nähe bedrohlich ist, fehlende gute, tragende Beziehungen und Schwierigkeiten, im Beruf erfolgreich zu sein machen das Leben schwer.

Für ein offenes Herz brauchen wir unbedingt das Gefühl, in der Welt willkommen zu sein, in der Welt einen Platz zu haben und dazugehören zu dürfen. Das Gefühl, dass unsere Liebe erwidert wird, dass es Sinn macht, auf dieser Welt zu sein.

Wenn in den ersten Lebensjahrzehnten alles ideal gegangen ist, dann geschieht das wie von selbst. Doch ein Leben geht nicht ohne Verletzungen. Sind sie nicht so gravierend, heilt das Leben sie aus. Doch ein wesentlicher Mangel und große eigene körperliche und emotionale Verletzungen und Gefahren können die Biochemie und Erfahrungswelt so beeinflussen, dass das Herz in Vorsicht, Angst oder Groll sich eng zusammenzieht, eine Schutzmauer aufbaut und in diesem Zustand bleibt. Doch ein enges Herz lässt unsere Energie nicht fließen, wir werden müde und fühlen uns im Mangel.

Selbst erlebte Verletzungen sind eine Ursache für ein sich schützendes Herz. Eine andere Ursache können systemische Traumata sein. Gefühle, die von anderen Menschen gefühlt werden, besonders von engen Familienmitgliedern, können unser Herz in Angst und Schrecken, in Wut, Groll oder Ablehnung versetzen. Das Herz reagiert so, als wären die Gefahren und Verletzungen uns selbst passiert. Hier sind Aufstellungen zum Lösen der systemischen Verstrickungen ein guter Weg.

Manchmal geschieht ein Wunder und das Herz öffnet sich wie von selbst. Doch wenn wir darauf warten, dass ein Wunder geschieht, kann darüber das Leben vergehen. Denn große Wunder kommen, wie sie wollen. Das Wunderbare ist, dass wir selbst etwas tun können, unserem Herzen zu ermöglichen, sich vorsichtig zu öffnen. Dann geschehen täglich Wunder. Lies mehr dazu im Artikel „Selbstbestimmt leben. Wie geht das eigentlich mit dem Herz öffnen?

Wir können ganz bewusst Schritte gehen, dass das Herz aus seiner Vorsichtshaltung herauslugt und sich öffnen kann. Für uns selbst, für andere, für die Liebe. Liebe können wir nicht machen, sie entzieht sich unserem Wollen. Wir können nur immer mehr bereit dafür sein. Aufstellungen sind hier ein heilsamer Weg.

Ich wünsche dir ein selbstbestimmtes Leben in wertschätzenden, offenen und zugewandten Beziehungen zu den Menschen, die dich umgeben und mit denen du deinen Lebensweg teilst.

Herzlichst
Renate

 


Impressum:
Text: Dr. Renate Wirth
Foto: pixabay.com

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