Im Einklang mit der großen Seele. Über die Wirkung der Aufstellungsarbeit. Ein Interview

Im Einklang mit der großen Seele. Über die Wirkung der Aufstellungsarbeit. Ein Interview

Ein Interview von Stefanie Link mit Dr. Renate Wirth

Das Phänomen der Aufstellungen

Stefanie Link:
„Die therapeutische Arbeit mit Aufstellungen hat in den letzten Jahren viele Menschen erreicht: Es gibt Systemaufstellungen, Organisationsaufstellungen, Familienaufstellungen, Symptomaufstellungen, um nur einige zu nennen. Sowohl privat als auch beruflich werden Aufstellungen genutzt, um hemmende Beziehungen eines Systems erkennen und verändern zu können. Aufstellungen haben Eingang in viele Lebensbereiche und Berufsfelder gefunden und damit den Rahmen der Therapie schon längst überschritten. In Pädagogik, Politik, Medizin, Wirtschaft und in vielen anderen Gebieten werden Aufstellungen mit Erfolg eingesetzt. Wie wirken denn eigentlich diese Aufstellungen?“

Renate Wirth:
„Das Phänomen der Aufstellungen ist die sogenannte repräsentierende Wahrnehmung. Der Klient stellt Stellvertreter im Raum für die Personen auf, die an seinem Problem beteiligt sind. Diese Personen kennen den Klienten nicht, sie kennen die Personen nicht, die sie vertreten, sie sind also fremd. Das Phänomen dabei ist, dass die Stellvertreter Gefühle wahrnehmen, die nicht zu ihnen selbst, sondern zur Person gehören, für die sie stellvertretend stehen.

Wenn das jemand so sagt, stößt er im Allgemeinen auf Unverständnis und Zweifel. Vom Zweifler zum Glaubenden wird man, wenn man zum ersten Mal in einer Stellvertreterrolle gestanden hat und diese Fremdgefühle am eigenen Leib erlebt hat. Dann erfährt man plötzlich eine völlig neue Dimension der menschlichen Wahrnehmung“.

Stefanie Link:
„Ich habe selbst schon Aufstellungen miterlebt und kann das bestätigen. Weltweit haben Millionen Menschen in den letzten Jahren diese Erfahrung gemacht. Wie können fremde Menschen plötzlich stellvertretend Wahrnehmungen haben, die sie im normalen Leben nicht erfahren?“

Renate Wirth:
„Immer mehr Naturwissenschaftler gehen heute davon aus, dass es neben unserer rational zu verstehenden Welt noch eine transmentale oder transrationale Welt gibt, in der sich die Wirklichkeit unserem logischen Denken entzieht. Quantenphysiker sprechen von einem Quantenfeld, in dem alles miteinander verbunden ist und alles mit allem kommunizieren kann.

Der englische Biologe Rupert Sheldrake prägte den Begriff des „Morphischen Feldes“ und der „Morphischen Resonanz“. Morphische Felder sind genauso real wie Gravitationsfelder oder Magnetfelder, an deren Existenz heute niemand mehr zweifelt. Sie sind überall in der Natur zu finden.
Morphische Felder sind fähig, Informationen zu registrieren. Sie verfügen über eine gewisse Art von Gedächtnis und sind weitgehend unabhängig von Zeit und Raum.

Es gibt inzwischen wissenschaftliche Studien, die das Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung belegen. Wie dieses Phänomen jedoch wirkt, dazu wird es in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch neue Erkenntnisse geben.“

Aufstellungen wirken auf vier Ebenen

Stefanie Link:
„In einer Aufstellung können hemmende Beziehungsmuster in einem aufgestellten Berufssystem oder Familiensystem erkannt werden. Wie wirken diese Aufstellungen und wie kommt es zu einer Lösung oder Klärung des Problems?“

Renate Wirth:
„Aufstellungen wirken auf vier Ebenen. Auf der Körperebene, auf der Erkenntnisebene, auf der Gefühlsebene und auf der Seelenebene. Nun ist es ein Unterschied, ob eine Organisationsaufstellung Strukturen eines Firmenanliegens klären soll oder ein Mensch mit einer Krebserkrankung als Anliegen zur Aufstellung kommt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

In der Organisationsaufstellung wird der Aufsteller überwiegend auf der kognitiven Ebene arbeiten, beim Anliegen der Krebserkrankung, wo es um Leben und Tod geht, überwiegend auf der Seelenebene. Das ist jetzt ein wenig plakativ gesagt, um das zu verdeutlichen. Grundsätzlich sind wir als Menschen ja nicht in verschiedene Ebenen aufzuteilen. Natürlich wirken immer alle vier Ebenen mit, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Es ist ein Unterschied, ob es um Erkenntnis oder um Heilung geht.

Auf welcher Ebene eine Aufstellung vorrangig wirkt, ist nicht nur vom Thema, sondern vor allem von der Arbeitsweise des Aufstellers abhängig. Von seiner angewandten Methode und von seiner eigenen Persönlichkeit. Das trifft auf Organisationsaufstellungen und Familienaufstellungen gleichermaßen zu“

Familienaufstellung und Heilung im Herzen

Stefanie Link:
„Wir waren eben beim Leid. Was hat denn die Liebe damit zu tun?“

Renate Wirth:
„Nun, das haben wir ja schon alle mal im Leben erfahren. Dass Liebe und Leid in bestimmten Aspekten zusammengehören. Wenn wir das Leid nicht wollen und das Herz für denjenigen verschließen, der es uns angetan hat, dann hat auch die Liebe als zugehöriger Aspekt keine Chance. Und dieses „Liebe-zulassen-können“ im eigenen Herzen, das heilt.“

Stefanie Link:
„Es geht also darum, als erstes das Leid anzunehmen?“

Renate Wirth:
„Ja! Aber das sagt sich so einfach. Der Klient kann es nicht von allein. Gerade das ist das Problem. Wenn wir ihm sagen, er soll sein Leid annehmen und Liebe zulassen. Das kann er eben gerade nicht. Es geht einfach nicht. Wenn es ginge, hätte er es ja schon getan.

Wir als Aufsteller müssen den ersten Schritt tun. Das heißt als erstes: Wir nehmen die Situation so ins Herz, wie sie ist. Das Leid, die Täter, die Ausgeschlossenen, alle, die zum System gehören, mit allem, was passiert ist. Ich öffne allen und allem mein Herz. Ohne zu werten. Bin einfach nur da und halte es aus. So baut sich das Feld auf. Das sogenannte heilende Feld.

Und es heißt als zweites, dem Klienten die Erfahrung zu ermöglichen, dass zu seinem Leid, zu seinem Hass, seiner Angst oder Wut, seiner Suche und Verzweiflung Liebe gehört. Dass er aus Liebe leidet.

Es geht nur, wenn er diese Erfahrung selbst machen kann. Wenn er diese Erfahrung in seinem Herzen spüren kann. Als „innerer seelischer Vollzug im Herzen“, wie mein Freund und Lehrer Harald Homberger so schön sagt.

Stefanie Link:
„Können Sie an dieser Stelle nochmal kurz erklären, was ein „innerer seelischer Vollzug im Herzen“ genau bedeutet?“

Renate Wirth:
„Ja, wie geht das? Was vollzieht sich da im Herzen? Als Aufsteller kann man ja nicht im Herzen des Klienten rumrühren, damit sich etwas „innerseelisch vollzieht“. Man kann keine Lösung „machen“. Wir können nur Angebote machen, die der Klient als neue Erfahrung erlebt. Beispielsweise durch einen Blick in die Augen dessen, der ihm dieses Leid zugefügt hat. Wenn er dessen Liebe sieht, vollzieht sich vielleicht etwas in seinem Herzen. So er kann spüren, wo seine Seele hin will, was sie wirklich will.

Oder durch einen Satz. Wenn der Klient ihn als Wahrheit empfindet, kann er eine neue Erfahrung machen, die sein Herz bewegt. Oder durch ein Bild. Wenn er sieht, welchen Bewegungen und Bindungen der andere folgt und unterliegt. Wo das eigentlich herkommt, was auf ihn wirkt. Oder durch ein „Ja, so war es“. Durch ein Zustimmen also zu dem, was war. So wie es war.

Diese Erfahrungen sind im „normalen Leben“ außerhalb der Aufstellung nicht möglich. Zum Beispiel den Abschied von einem Toten zu fühlen oder von einem abgetriebenen Kind. Da vollzieht sich Heilung auf der Seelenebene. Das hat mit unserem Denken wenig zu tun. Es vollzieht sich von selbst im Herzen. Wenn wir still und achtsam sind.”

Lösungen und was die Familienaufstellung bewirkt

Stefanie Link:
„Wir waren eben beim Leid. Was hat denn die Liebe damit zu tun?“

Renate Wirth:
„Nun, das haben wir ja schon alle mal im Leben erfahren. Dass Liebe und Leid in bestimmten Aspekten zusammengehören. Wenn wir das Leid nicht wollen und das Herz für denjenigen verschließen, der es uns angetan hat, dann hat auch die Liebe als zugehöriger Aspekt keine Chance. Und dieses „Liebe-zulassen-können“ im eigenen Herzen, das heilt.“

Stefanie Link:
„Es geht also darum, als erstes das Leid anzunehmen?“

Renate Wirth:
„Ja! Aber das sagt sich so einfach. Der Klient kann es nicht von allein. Gerade das ist das Problem. Wenn wir ihm sagen, er soll sein Leid annehmen und Liebe zulassen. Das kann er eben gerade nicht. Es geht einfach nicht. Wenn es ginge, hätte er es ja schon getan.

Wir als Aufsteller müssen den ersten Schritt tun. Das heißt als erstes: Wir nehmen die Situation so ins Herz, wie sie ist. Das Leid, die Täter, die Ausgeschlossenen, alle, die zum System gehören, mit allem, was passiert ist. Ich öffne allen und allem mein Herz. Ohne zu werten. Bin einfach nur da und halte es aus. So baut sich das Feld auf. Das sogenannte heilende Feld.

Und es heißt als zweites, dem Klienten die Erfahrung zu ermöglichen, dass zu seinem Leid, zu seinem Hass, seiner Angst oder Wut, seiner Suche und Verzweiflung Liebe gehört. Dass er aus Liebe leidet.

Es geht nur, wenn er diese Erfahrung selbst machen kann. Wenn er diese Erfahrung in seinem Herzen spüren kann. Als „innerer seelischer Vollzug im Herzen“, wie mein Freund und Lehrer Harald Homberger so schön sagt.

Stefanie Link:
„Können Sie an dieser Stelle nochmal kurz erklären, was ein „innerer seelischer Vollzug im Herzen“ genau bedeutet?“

Renate Wirth:
„Ja, wie geht das? Was vollzieht sich da im Herzen? Als Aufsteller kann man ja nicht im Herzen des Klienten rumrühren, damit sich etwas „innerseelisch vollzieht“. Man kann keine Lösung „machen“. Wir können nur Angebote machen, die der Klient als neue Erfahrung erlebt. Beispielsweise durch einen Blick in die Augen dessen, der ihm dieses Leid zugefügt hat. Wenn er dessen Liebe sieht, vollzieht sich vielleicht etwas in seinem Herzen. So er kann spüren, wo seine Seele hin will, was sie wirklich will.

Oder durch einen Satz. Wenn der Klient ihn als Wahrheit empfindet, kann er eine neue Erfahrung machen, die sein Herz bewegt. Oder durch ein Bild. Wenn er sieht, welchen Bewegungen und Bindungen der andere folgt und unterliegt. Wo das eigentlich herkommt, was auf ihn wirkt. Oder durch ein „Ja, so war es“. Durch ein Zustimmen also zu dem, was war. So wie es war.

Diese Erfahrungen sind im „normalen Leben“ außerhalb der Aufstellung nicht möglich. Zum Beispiel den Abschied von einem Toten zu fühlen oder von einem abgetriebenen Kind. Da vollzieht sich Heilung auf der Seelenebene. Das hat mit unserem Denken wenig zu tun. Es vollzieht sich von selbst im Herzen. Wenn wir still und achtsam sind.”

Eine Familienaufstellung in der Stille

Stefanie Link:
„Sie sprechen von Voraussetzungen, um Aufstellungen zu leiten. Es gibt mittlerweile so viele Aufstellungsarten, die verschiedensten Aufsteller und die verschiedensten Charaktere. Sie selbst arbeiten mit den sogenannten „Bewegungen der Seele“, einer Aufstellungsform, die sehr still ist. Kann das jeder lernen, oder braucht es eine besondere Gabe, um Aufstellungen leiten zu können?“

Renate Wirth:
„Da ist zuerst die Erkenntnis, dass es noch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als das, was man sehen und anfassen kann. Und wie schon gesagt, es ist eine besondere innere Haltung die Voraussetzung. Das Arbeiten im gegenwärtigen Moment. Mutig und demütig, achtsam und mit einer ausgeprägten Wahrnehmung.

Ja, das kann man lernen. Und eine gewisse Sicht auf die Welt, auf das „Große Ganze“, auf das, was die alten Meditationswege als Seele oder das Göttliche oder den großen Geist bezeichnen. Und dazu kommt das Wissen um systemische Zusammenhänge. Das braucht es natürlich auch.“

Stefanie Link:
„Sie sagen, die Bewegungen der großen Seele oder des Universums seien auf Liebe und Heilung ausgerichtet. Was bedeutet das?“

Renate Wirth:
„Zen sagt: „Die Wesensnatur ist reines Mitgefühl. Alles bewegt sich in einem unendlichen Bewusstseinsstrom. Dieses Bewusstseinsfeld ist jenseits aller Dualitäten reines Mitgefühl und Liebe.“

Dieses „jenseits aller Dualitäten“ gehört nicht zu unserer Erfahrungswelt. Wir können nur in Dualitäten wahrnehmen. So ist unser Geist beschaffen. Also Glück und Leid, Liebe und Hass, Freude und Trauer… Beides zusammen, alles zusammen. Auch das Leid, auch das sogenannte Böse ist diese Wesensnatur. Auch das Dunkle. Alles steht im Dienst, ist eine Manifestation, eine Form dieses reinen Bewusstseinsfeldes aus Mitgefühl. Das ist die heilende Kraft, die hinter allem wirkt.

Vielleicht braucht man diese Sicht auf die Welt auch nicht, wenn man Aufstellungen leitet. Man fühlt das Feld, wenn man sich öffnet, das reicht. Aber da kommt natürlich gleich die Frage: Dich öffnen wofür? Und was fühlt man da? Der Physiker Rupert Sheldrake nennt sie morphologische Felder, Bert Hellinger spricht von wissenden Feldern, die Weisen aller großen Meditationswege und auch die moderne Quantenphysik sprechen von einem unendlichen Bewusstseinsstrom. Das meine ich, wenn ich sage, es sei nützlich, eine gewisse Sicht auf die Welt, auf das „Große Ganze“ zu haben.“

Die Aufstellungsarbeit erlernen

Stefanie Link:
„Sie nennen das Wissen um systemische Zusammenhänge eine Voraussetzung, um Aufstellungen leiten zu können. Ist dieses Wissen fassbar, kann jeder dieses systemische Wissen erlernen?“

Renate Wirth:
„Es ist inzwischen eine eigene Wissenschaft entstanden, die die systemischen Zusammenhänge der Aufstellungsarbeit einschließt. Dazu gehören die Ordnungen der Liebe, persönliches und kollektives Gewissen, Bindung, Rangfolge und Zugehörigkeit, die Wirkungen von Verstrickungen, Identifizierungen und die Wirkung der transgenerativen Weitergabe von Traumata, um nur einige zu nennen. Durch die Arbeit von Bert Hellinger und die vieler namhafter Aufsteller, die seine Arbeit weiterentwickelt haben, neue Erkenntnisse hinzu gewonnen und veröffentlicht haben, hat sich die Aufstellungsarbeit in den letzten Jahren in unglaublicher Schnelligkeit ausgebreitet. Und sie ist noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen.

Dieses Grundlagenwissen kann man lernen, wie jede andere Wissenschaft auch. Doch genauso wichtig wie dieses Wissen ist die Haltung des Aufstellers. Sie setzt menschliche Wertschätzung und eine besondere innere Haltung voraus. Auch diese Haltung kann man lernen. Und ich gehe noch einen Schritt weiter. Man kann sie nicht nur lernen. Ich bin der Meinung, man muss sie auch lernen. Nur das Wissen um die systemischen Zusammenhänge allein reicht meiner Ansicht nach nicht aus. Beides gehört zusammen.“

Stefanie Link:
„Nun bleibt noch die Frage zu den Ausbildungsmöglichkeiten, der Dauer und den Kosten. Braucht man Voraussetzungen, um eine Ausbildung machen zu können? Welchen Abschluss gibt es dafür?“

Renate Wirth:
„Viele Aufsteller bieten eine Ausbildung an. Im Internet kann man auf verschiedenen Seiten Ausbildungen finden. Generell macht es Sinn, den Aufsteller vorher in seiner Arbeitsweise kennenzulernen, zum Beispiel, indem man an seinen Seminaren teilnimmt.

Die Ausbildungsdauer ist verschieden, auch die Kosten für die Ausbildung differieren. Zum Abschluss der Ausbildung erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat.

Die Bestrebungen der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen, der DGfS und der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für systemische Lösungen IAG sind derzeit darauf ausgerichtet, Ausbildungsrichtlinien festzulegen und Studiengänge mit wissenschaftlicher Ausrichtung zu etablieren. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, was sie bewirkt, wird die nahe Zukunft zeigen.“

Stefanie Link:
„Frau Dr. Wirth, ich danke Ihnen von Herzen für dieses sehr interessante und äußerst informative Gespräch! Und wünsche Ihnen allzeit viele heilsame Erfahrungen in Ihren Aufstellungen und Seminaren!“

 

 


Impressum:
Interview: Stefanie Link
2010 veröff. Zeitschrift SEIN
Text und Bild: Dr. Renate Wirth

www.aufstellungstage.de
www.renate-wirth.de
renate.wirth@aufstellungstage.de

Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
Veröffentlichen des Textes und von dessen Auszügen nur mit Erlaubnis der Autorin.