Alles in Ordnung. Eigentlich. Wie ich zur Aufstellungsarbeit kam

Alles in Ordnung. Eigentlich. Wie ich zur Aufstellungsarbeit kam

Ein ganz normales Leben

Im Sommer 1997 war von alledem, was da kommen würde, noch nichts zu merken. Ich war vollkommen gesund, war mitten im Leben, hatte eine wunderbare Familie und einen spannenden Beruf. Ich hatte eine Outdoorfirma für Kurse in der Natur und gerade einen Überlebenskurs hinter mir mit einer wunderbaren Gruppe: Leben im Wald, Feuer machen, eine Unterkunft bauen ohne Zelt, Wildpflanzen sammeln, Essen in der Kochgrube garen, Brot im selbstgebauten Ofen backen, Wildspuren lesen.

Eben alles, was du so brauchst, wenn du nach Kanada reist und dort deinen Rucksack verlierst. Wie auch immer, vielleicht weil dein Kanu kentert und der Rucksack von dannen schwimmt. Wir wollten Überleben lernen. Doch dass es bald wirklich um mein Überleben gehen würde ahnte ich damals nicht.

Und auch im Winter zu 1998 war noch nicht zu ahnen, was das neue Jahr bringen würde. Ich hatte drei Hundeschlitten-Kurse im Isergebirge mit einem Freund, dem die 33 Huskys gehörten. Ein Schlittengespann zu führen, Iglu bauen (die Fensterscheiben waren Eisflächen aus dem nahegelegenen Bach), im Schnee bei 20 Grad minus ohne Zelt übernachten, Feuer machen im Schnee, ich war gut drauf, konnte rennen, war gesund und hatte Kraft, die temperamentvollen Hunde sicher zu halten. Auch die Hunde waren gesund und voller Lust am Laufen. Am Abend waren wir geschafft, aber glücklich.

Nichts ahnend

Nach 7 Wochen im Schnee auf der Rückfahrt allein im Auto musste ich nach einigen Stunden an den Straßenrand fahren und erst einmal schlafen. Ich war plötzlich todmüde. Es war doch alles in Ordnung, eigentlich. Sicher war es das Abspannen nach dieser intensiven Zeit, die viele frische Luft, fahren mit Schneeketten und die lange Fahrt. Ich kam gut zu Hause an. Nichts ahnend, was mich in der kommenden Zeit erwarten würde.

Das Frühjahr war auch ohne Überlebenskurs abenteuerlich, ich plante neue Seminare.
Im Mai ging ich wie jedes Jahr zur Mammografie, routinemäßig, so nebenbei. Ich erwartete wie jedes Jahr ein „Alles in Ordnung“. Nichtsahnend verkündete mir der Arzt beim Auswerten der Bilder, es wäre der Verdacht auf einen Tumor, es sei wichtig, mich umgehend im Krankenhaus vorzustellen für eine OP.

Ich erklärte dem Arzt, dass wir eine große Kanutour nach Schweden als Seminar geplant haben in 8 Wochen und alles schon organisiert sei, ich würde danach zu dieser OP gehen. Der Arzt sah mich an und sagte: „Dann brauchen sie vielleicht nicht mehr zu gehen. Gehen sie sofort.“

Eine andere Welt

Ich war wie schlaftrunken in der kommenden Zeit und konnte nicht glauben, was gerade geschah. Zwei Operationen, 4 Monate Chemotherapie, 30 Bestrahlungen. Dann hatte ich die Nase voll und bat um Urlaub. Geplant waren nochmals 4 Monate Chemotherapie. Mir wurden 4 Wochen Urlaub gewährt. Es war inzwischen Dezember geworden.

Freunde nahmen mich mit nach Norwegen zum Schlittenhundetraining. Fünf LKW, 5 Musher, 70 Schlittenhunde und ich. Endlich wieder Freiheit, Natur und Schnee. Weit weg vom Klinikgeschehen. Ich kochte Essen für alle. Und bat nach einiger Zeit um eine Woche für mich allein sein zu können in den Bergen. Die Männer stimmten zu.

Mein Rucksack und ich kamen auf den Tandemschlitten und wir fuhren lange bergan. Ganz oben, weit weg von der Zivilisation, wo es nur noch Krüppelkiefern gab, 50 cm Schnee und 20 Grad minus, stand eine Hütte. Hier oben pfiff ein eisiger Wind. Mein Schlitten wurde abgekoppelt, die Männer fuhren weiter mit ihren Hunden.

Da stand ich nun mit meinem Schlüssel in der Hand in dieser weißen Stille. Und versuchte, die Tür der Hütte zu öffnen. Sie war eingefroren. Nach zwei Stunden Mühen, Tränen und Gottes Gnade ging die Tür auf. Unendlich erleichtert hatte ich endlich ein Dach über dem Kopf. Die Tage sind kurz in Norwegen im Dezember, es wird zeitig dunkel und es war eiskalt.

Es gab kein Wasser und kein Licht. Es war nicht möglich durchs Fenster zu schauen, sie waren dick mit Eisblumen zugefroren. Hinter der Hütte war ein Holzverschlag und in der Hütte ein Eisenkasten mit einem Ofenrohr. Ich musste mir einen Weg zum Holzverschlag durch den Schnee schaufeln. Bald brannte das Feuer im Ofen und eine Stunde später war es gemütlich warm in der Hütte in der Nähe des Ofens. Wasser war geschmolzener Schnee und eine Kerze gab Licht.

Ich war angekommen. Diesmal ganz bei mir selbst. Die kurzen Ausflüge nach draußen lehrten mich zu leben. In diesem eisigen Wind war jeder Moment eine Entscheidung: Du brauchst nur fünf Minuten nichts zu tun, dann bist du erfroren. Jeder Moment war eine Entscheidung für oder gegen das Leben. Da wusste ich: Ich hatte mich für das Leben entschieden. Bei jedem Schritt. Bei jeder Bewegung.

Später habe ich die schützende Hütte nur noch zum Holz holen und für das Nötigste verlassen, Ausflüge waren unnützer Luxus. Mit Kerzen war sparsam umzugehen, wie auch mit dem wenigen Brot. Lesen war nur kurze Zeit möglich, dann war es zu dunkel. Also war ich einfach da. Nur da. Und begriff zum ersten mal, was für eine Gnade es ist, einfach nur da zu sein. Am Leben.

Zurück in Deutschland

Zurück in Deutschland war zum Jahresbeginn meine Schonzeit vorbei und es ging weiter mit der Chemotherapie, diesmal höher dosiert. Meine geliebte Mutter verstarb Mitte Januar im hohen Alter. Sie ging friedlich in die andere Welt. Ein schwerer Abschied für mich. Ohne Haare war ich zur Beerdigung und dachte mir: Ja, es war abzusehen. Und dennoch war es viel zu früh. Von ihren Sachen konnte ich mich noch lange nicht trennen.

Von der Chemotherapie wurde ich immer kränker. Anfang April ging nichts mehr. Ich konnte nur noch gestützt laufen und musste die letzte Behandlung lassen, es ging einfach nicht mehr. Mein Mann begleitete mich in die Habichtswaldklinik zur Anschlussheilbehandlung. Wir schafften es gerade so vom Auto bis ins Zimmer. Hinlegen. Nur Hinlegen.

Wieder eine andere Welt

Nun war ich nochmals in einer neuen Welt angekommen. Ununterbrochen liefen mir die Tränen. Nach so langer Zeit fühlte ich mich trotz meines geschwächten Zustandes sicher und geborgen. Alles war hell und freundlich. Nicht wie Krankenhaus. Liebevoll und irgendwie ganz anders. Hier kam mir das erste Mal das Wort Heilung in den Sinn. Wie Heilung geschieht, das wusste ich nicht. Doch alles berührte mein Innerstes.

Da wurden Mantren gesungen, ich konnte keine Zeile mitsingen, nur weinen. Doch das waren Tränen der Erleichterung. Natürliche Medikamente, ayurvedisches Essen, Entgiftung, unterstützende Therapien, viel Zeit, Fürsorge, Zuwendung, Verständnis und Schönheit überall. Und dann geschah etwas Außergewöhnliches, das meinen späteren Weg bestimmen würde. Noch war ich völlig ahnungslos, was da auf mich zukam.

Vollkommen ahnungslos

In der ersten Psychotherapiestunde saß mir als Psychoonkologe Harald Homberger gegenüber. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine Psychotherapiestunde gehabt und hatte keine Ahnung, was da kommen würde. In dieser ersten Stunde habe ich durch Harald, der später mein Lehrer und Freund wurde, die Aufstellungsarbeit kennengelernt. Die Aufstellung und die Welt der Seele. Ohne zu wissen, was Aufstellungen sind und wofür sie gut sein sollen habe ich eine erste Aufstellung erlebt.

In dieser ersten Aufstellung, von der ich nicht einmal wusste, dass es eine Aufstellung war und noch nicht einmal, dass es Familienaufstellungen überhaupt gibt, geschweige denn, wie sie wirken, habe ich am eigenen Leib ganz Unglaubliches erfahren.

Später erfuhr ich, dass es eine Familienaufstellung war

In der Anamnese fragte der Therapeut nach Ereignissen der Familie, wer dazugehört und nach besonderen Schicksalen. Besondere Schicksale gab es in meiner Familie, meine Eltern hatten Geschwister zeitig verloren, mein Vater war zeitig verstorben und ich hatte meinen ersten Mann durch Suizid verloren, als ich gerade 28 Jahre alt war. Wir hatten damals einen einjährigen gemeinsamen Sohn.

Nach einem kurzen Anamnesegespräch empfahl der Therapeut eine Aufstellung. Er erklärte kurz das Setting, ich sei ich selbst und der Therapeut vertrete meinen verstorbenen ersten Mann. Ich solle ohne zu sprechen meinen inneren Bewegungsimpulsen folgen und er würde dann sagen, wann die Aufstellung zu Ende sei.

Der Therapeut in der Rolle meines ersten Mannes legte sich sofort auf die Erde. Und ich? Was tat ich vollkommen unaufgefordert? Ich legte mich dazu. Lag da und war ganz im Frieden. War endlich angekommen. Nichts war mehr wichtig, alles war so gut wie es war. Ich war nicht glücklich oder unglücklich. Ich war in einem grenzenlosen Frieden.

Nachdem der Therapeut die Aufstellung beendet hatte stand ich sehr verwirrt auf. „Wissen sie, was das bedeutet?“, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. „Ihre Seele will sterben. Ihre Seele will ihrem ersten Mann folgen.“

Will denn meine Seele etwas anderes als ich?

Ich war gänzlich fassungslos. Natürlich wollte ich nicht sterben, so ein Quatsch, wer das sagt ist einfach seltsam gestrickt. Ich war mitten im Leben, voller Ideen und Kraft. Ich hatte 4 wunderbare Kinder, eine guten und klugen Mann, ein schönes Haus mit Garten am See, eine spannende Arbeit. Und wieso kann meine Seele etwas anderes wollen als ich? Wer ist dieses Ich und wer ist meine Seele?

Eigentlich ist doch außer dieser nun Gottseidank überstandenen Erkrankung doch alles in Ordnung. Gab es da etwa noch etwas? Ja, es gab noch etwas: Diese Sehnsucht nach „ich weiß nicht wonach“. Ja, die gab es immer. Und diese immer wiederkehrende latente unangemessene Wut. Und hin und wieder diese Resignation. Aber das heißt doch noch lange nicht, sterben zu wollen! Und der Tod meines ersten Mannes war ja nun auch schon mehr als 20 Jahre her! Vorbei ist vorbei.

Ich war vollkommen aus meiner Mitte geraten. Die Erkrankung aus heiterem Himmel, was ist das mit der Seele, mit den hinter allem wirkenden Dynamiken, dem Unsichtbaren, was da wirkt? Was gibt es da noch, was mein Verstand nicht begreifen kann?

Die Seele hat ihre eigenen Gesetze

„Die Seele hat ihre eigenen Gesetze.“ hat mein Therapeut und späterer Lehrer und Freund Harald Homberger damals in der Klinik zu mir gesagt. Ich verstand nichts. Wirklich rein gar nichts. Was da eine Seele sein soll und dass es da sogar Gesetze gibt, das war für mich einfach alles ein großes Fragezeichen. Und zu viel Unbegreifliches auf einmal.

Viel später erst, als ich in den Aufstellungen gesehen habe, dass die Bewegungen der Menschen, die sich in der Stille vollziehen, ganz andere sind als das, was sie noch zwei Minuten vorher gesagt haben, da habe ich vieles verstanden. Und ich konnte sehen, dass sich diese Bewegungen, die vorher undenkbar waren oft erst durch die Aufstellung gezeigt haben.

Immer und immer wieder konnte ich sehen, dass diese Seelenbewegungen oft überhaupt nicht identisch mit unseren emotionalen Bewegungen sind. Wir können z.B. Wut haben auf den Vater, der gewalttätig war, ihn ablehnen oder ihn meiden. Aber unsere Seele macht diese Bewegungen nicht mit. Sie kann gerade entgegen gesetzte Bewegungen haben, die wir überhaupt nicht verstehen. Sie liebt einfach. Auch gerade diesen Vater.

Ich wollte verstehen, was da verborgen auf uns wirkt

So begab ich mich auf die Reise in die Welt der Seele und der Familienaufstellungen und begann immer mehr herauszufinden, was unbewusst hinter unserem Miteinander auf uns Menschen wirkt. Wie es bewusst werden kann und wie Heilung möglich wird. Zuerst habe ich alle Bücher gelesen, derer ich habhaft werden konnte. Und habe viele Fragen gestellt. Dann hatte ich mehrere Aufstellungen zu verschiedenen Lebensthemen. Zwei Jahre später begann ich dann eine zweijährige Weiterbildung bei Harald Homberger zur Systemischen Aufstellungsarbeit.

Selbst zum Beginn der Weiterbildung wusste ich noch nicht, dass es kurz danach der Beruf werden würde, den ich nun schon mehr als 10 Jahre mit ganzem Herzen ausübe. Er hat mich seither nicht einen Tag mehr losgelassen. Noch immer faszinieren mich die Dynamiken, Erkenntnisse, die innewohnende Weite und die Heilungswege der Aufstellungsarbeit.

2004 gründete ich die „Praxis für Systemaufstellungen“, um den Menschen mit Hilfe der Aufstellungen Heilungsschritte zu ermöglichen, die der Verstand allein nicht gehen kann. Ich bin gesund und danke von ganzem Herzen allen, die dazu beigetragen haben. Was mir geschenkt wurde, gebe ich gern und dankbar weiter.

Dein erster Kontakt mit der Aufstellungsarbeit

Da ich bei meinen ersten eigenen Aufstellungen viel Unverständnis und oft auch Angst hatte, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, zum ersten Mal eine Familienaufstellung zu erleben. Man weiß ja wirklich nicht, was sich da zeigen wird, es hat ja bisher im Verborgenen gewirkt.

Ja da hast du Recht, wir wissen es beide nicht, was genau geschehen wird. Doch was ich genau weiß, ist, dass deine Seele Heilungsschritte gehen möchte, sonst würdest du nicht zur Aufstellung kommen. Und was ich dir zusichern kann ist meine achtsame und fürsorgliche Arbeitsweise.

Eine Familienaufstellung ersetzt keinen Arzt, sie übersteigt auch die Psychotherapie. Doch wenn du Probleme in deiner Familie, in deiner Paarbeziehung, im Beruf oder gesundheitliche Probleme hast, die du bisher nicht auf andere Weise lösen konntest und psychisch gesund bist dann kannst du schauen, was da vielleicht im Verborgenen auf dich wirkt und welche Lösungsschritte du gehen kannst. Hier findest du die Termine für die Aufstellungsseminare und wie du dich anmelden kannst.

Und falls du die Aufstellungsarbeit erst einmal kennenlernen möchtest, ohne gleich selbst ein eigenes Anliegen aufzustellen, dann kannst du auch erst einmal als Stellvertreter*in am Seminar teilnehmen, um mich und meine Arbeitsweise kennenzulernen. Denn es braucht ein gewisses Vertrauen, damit du dich mir und der Aufstellungsarbeit anvertrauen kannst.

Wenn du nicht sicher bist, ob für dich eine Familienaufstellung der nächste gute Schritt ist, dann klicke hier, ich sende dir dann sofort kostenlos das E-Book „5 Schritte zu mehr innerer Freiheit“ zu.

Alles Gute für dich und herzliche Grüße
Renate

 


Impressum:
Text und Foto: Dr. Renate Wirth

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renate.wirth@aufstellungstage.de

Praxis: Prinzregentenstraße 7 in 10717 Berlin
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